Montag, 16. Juli 2018

Neidgesellschaft Die gelbe Gefahr

4. Teil: Jenseits von Eden

Und wie schaffen wir es, den Neid produktiv zu nutzen? Schon in der Bibel beginnt das Leiden des Menschen mit dem Sündenfall, also mit dem Eintritt des Neides in die Welt.

Weil Adam Gott dessen Sonderstellung neidet, will er werden wie er und probiert - angestachelt von der Schlange und Eva - die Frucht vom tabuisierten Baum der Erkenntnis. Dies war das Ende aller paradiesischen Zustände auf Erden: Weil er neidet, muss der Mensch fürderhin sein Leben jenseits von Eden fristen. Und hart arbeiten.


"Neidisch sind immer nur die anderen. Über die Unfähigkeit, zufrieden zu sein" Rolf Haubl; Ch. Beck, 3. Auflage 2003, 323 Seiten, 17,90 Euro.

Ganz ähnlich ist es bei der Geschichte von Kain und Abel: Weil Kain seinem Bruder Abel dessen Gottgefälligkeit neidet, erschlägt er ihn. Doch Kain wird nicht etwa von Gott bestraft, um die Menschheit vor dem Bösen zu schützen, sondern stattdessen zu einer zentralen Figur der Menschheitsgeschichte.

Der Neider Kain, versehen mit einem Schandmal, zieht in die Welt und entfaltet enorme Produktivität: Er gründet eine Stadt und eine Familie, zeugt eine Menge Kinder.

Schon im Alten Testament zeigt sich die Doppelgesichtigkeit des Neids: einerseits zerstörerische Macht, andererseits Antrieb zu kulturellen und wirtschaftlichen Höchstleistungen.

Dennoch bleibt von dieser Ambivalenz im Mittelalter nur die negative Seite im Blickfeld. Verständlicherweise, denn in der festgefügten Ständegesellschaft würde der von Neid getriebene Aufsteiger die Ruhe und Ordnung stören.

Die katholische Kirche erklärt die "Invidia" zu einem der sieben "Hauptlaster". Das Rattenrennen wird durch Androhung der höchstmöglichen Strafe (ewiges Fegefeuer) zu unterbinden versucht. Erst der Reformator Johannes Calvin erklärt das Anhäufen irdischer Güter durch harte Arbeit für gottgefällig. Er legt die ethische Grundlage für jene Neid erregenden materiellen Unterschiede, die später den "Geist des Kapitalismus" (der Soziologe Max Weber) wehen lassen.

© manager magazin 13/2006
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