Montag, 19. November 2018

Neidgesellschaft Die gelbe Gefahr

3. Teil: Der Homo sapiens neidet

Bloß nicht. Nur knapp jeder dritte Bundesbürger ist der Meinung, dass die Attraktivität von Deutschland als Lebensstandort der Superreichen erhöht werden müsse.

 Umwerben oder abschrecken? Nur eine Minderheit der Deutschen hält die sehr Wohlhabenden für Vorbilder. Entsprechend meinen die meisten auch nicht, dass die Bundesrepublik die Reichen umwerben sollte. Im Gegenteil: 80 Prozent plädieren für höhere Steuern auf große Vermögen.
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Umwerben oder abschrecken?
Nur eine Minderheit der Deutschen hält die sehr Wohlhabenden für Vorbilder. Entsprechend meinen die meisten auch nicht, dass die Bundesrepublik die Reichen umwerben sollte. Im Gegenteil: 80 Prozent plädieren für höhere Steuern auf große Vermögen.
Es ist unbestritten, dass ein Exodus der Reichen und Klugen Deutschland schadet. Dennoch ist eine große Mehrheit der Meinung: Lieber größtmögliche Gleichheit, auch wenn es am Ende sowohl der Gesellschaft insgesamt als auch den meisten Befragten individuell schlechter geht. Neid, so sieht man es seit alters, ist ein höchst zerstörerischer, ja selbstzerstörerischer Trieb: einer, der Beneidete und Neider gleichermaßen schädigt - das gelbe Gefühl, das den Menschen von innen vergiftet wie ein Leberschaden. Offenkundig ist der Neid ein Urwesenszug des Menschen: "Eine anthropologische Grundkategorie", wie es der Soziologe Helmut Schoeck formulierte.

Der Homo sapiens neidet, so erkannte der Spanier Gonzalo Fernández de la Mora, ein anderer Pionier der neueren Neidforschung, weil er die Welt nur wahrnehmen könne, indem er vergleiche: "Alle identifizieren wir uns und ordnen wir uns ein in Bezug auf die anderen."

Erst die Beziehungen zu seinen Mitmenschen mache aus einem Individuum ein soziales Wesen. "Dieser zwischenmenschliche Vergleich, aus dem der Neid hervorgeht, ist also kein Steckenpferd oder eine Schwäche bestimmter Leute", er sei vielmehr "eine unabänderliche Tatsache". Dennoch bekennt sich kaum jemand zu diesem Gefühl.

In der manager-magazin-Untersuchung geben lediglich 10 Prozent der Befragten zu, die Existenz der Superreichen mache sie neidisch. Reiner Selbstbetrug, wie das Geldverbrennungsexperiment zeigt.

Neid ist ein Tabu - eines der wenigen der westlichen Gesellschaften. Weder sich selbst noch anderen vermag man ihn einzugestehen.

Gewiss, Neid hat die Kraft, Gesellschaften innerlich zu zerreißen. Aber er ist auch eine "gesellschaftsformende Kraft", wie der Philosoph Friedhelm Decher sagt: Ohne das Vergleichen und Messen mit anderen kämen die Individuen einander nicht so nahe. Diese Ambivalenz führt jede Gesellschaft automatisch zur wichtigen Frage nach der richtigen Balance: Wie viel Ungleichheit erträgt der Neid?

© manager magazin 13/2006
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