Mittwoch, 21. November 2018

Netzwerke Falsch verbunden

3. Teil: Das Google-Problem ist virulent

Ist Xing also mehr als ein Vertriebsbooster für Ich-AGs? Lohnt sich die Mitgliedschaft für Manager überhaupt? Und wenn ja: Wie lässt sich das Netzwerk am besten nutzen?

Massengeschäft: Mitgliederzahlen ausgewählter Online-Businessnetzwerke
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Massengeschäft: Mitgliederzahlen ausgewählter Online-Businessnetzwerke
Thorsten Hahn hat eine Banklehre gemacht, BWL studiert und als Vertriebstrainer gearbeitet. Der 40-Jährige hat fast 20.000 Kontakte, mehr als jeder andere im Netzwerk. Thorsten Hahn ist Mister Xing.

Hahns Banking-Club zählt mehr als 25.000 Mitglieder und ist eine der größten Xing-Gruppen. Hahn nutzt das Forum als Rekrutierungsbecken für seinen eigenen Branchenclub - der aber kostenpflichtig ist. Mithilfe seines gut gefüllten Adressbuchs auf Xing kann er jemandem zum neuen Job oder zum Geburtstag gratulieren - und so seine Kontakte pflegen, die sich dann irgendwann vielleicht im echten Hahn-Club anmelden.

Lektion 1: Businessplattformen sind ein sich selbst aktualisierendes Adressbuch. Solange alle ihr Profil pflegen, ist die Online- der Papiervisitenkarte deutlich überlegen.

Der Vorteil der Ansprache im Xing-Club (Hahn: "Lauwarmakquise"): "Wer sich hier registriert, bekundet damit seine Bereitschaft, angesprochen zu werden", sagt Hahn, "es ist wie bei einer Singlebörse: Da wissen die Leute auch, auf welches Spiel sie sich einlassen."

In Hahns Banking-Club tummeln sich Angestellte der Sparkasse Flensburg ebenso wie Mitarbeiter des Nobelgeldhauses Sal. Oppenheim. Sie tauschen sich über offene Stellen aus oder über Fachfragen. 25.000 Experten an einem Punkt konzentriert: Da kann Google Börsen-Chart zeigen nicht mithalten.

Nur: Das Google-Problem, aus der Masse die Klasse zu filtern, ist auch auf Xing virulent. Die Gruppe "Vogelspinnen und andere Wirbellose" etwa ist längst nicht die einzige, bei der der Businessbezug auch auf den dritten Blick nicht zu erkennen ist. Freizeitverabredungen zum Kochen oder Bowlen nehmen großen Raum ein. Dazu kommt allerlei Halbseidenes, wie das Angebot eines Finanzvertrieblers, der mit der Aussicht auf ein "hoch qualifiziertes Traineeprogramm" Nachwuchs für seine Drückerkolonne sucht.

Der Segen des Internets ist hier zugleich sein Fluch: Jeder kann sich jederzeit zu allem äußern. "Eine der wichtigsten Funktionen von Xing und anderen Online-Netzwerken ist die Selbstbestätigung, nach dem Motto: "Ich poste, also bin ich'", sagt der Freiburger Mediensoziologe Michael Schetsche: "Wer vom Kollektiv abgekoppelt wird, dessen Identität bricht zusammen." Für Menschen mit viel Tagesfreizeit ist das Kommentieren in den Xing-Foren so zur wichtigsten Zwischendurchbeschäftigung avanciert: Was früher "Moorhuhn" war, nennt sich heute Networking.

© manager magazin 6/2007
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