Montag, 19. November 2018

Hans Joachim Langmann Die Sagengestalt

Der langjährige Merck-Chef Hans Joachim Langmann formte aus einem ängstlichen Mittelständler einen Konzern von Weltformat. Und noch immer hat er die wichtigsten Firmenkennzahlen so präsent, als müsste er auf der Stelle die Arbeiten am nächsten Geschäftsbericht abschließen.

In Hans Joachim Langmanns Archiv sieht es so aus, wie sich intime Kenner deutscher Bürokratie das Liegenschaftsamt, sagen wir, der Stadt Darmstadt vorstellen würden. Wuchtige Regale dominieren den Raum, sie reichen an drei Seiten vom Boden bis knapp unter die Decke und sind ausschließlich gefüllt mit Akten. Aneinandergereiht schätzt der geneigte Betrachter das Sammelwerk auf mindestens 60 Meter, in dem sich reich an Details die jüngere Geschichte der Merck KGaA Börsen-Chart zeigen, des ältesten Pharmaunternehmens der Welt, verbirgt. Hans Joachim Langmann (82) sagt: "Das muss ich alles persönlich durchsehen. Es hat ja keinen Sinn, alles zu behalten."

Solidität zur Kunstform erhoben: Hans Joachim Langmann lenkte die Geschicke von Merck für mehr als 30 Jahre
Hier hat die mercksche Sagengestalt alles zusammengetragen, was sich unter ihrem Wirken über 30 Jahre an der Spitze des hessischen Familienkonzerns ereignet hat: Langmann hat die Firma in dieser Zeit internationalisiert, er hat ihr eine moderne Organisationsform verpasst, ihr per wohl dosiertem Börsengang neue Finanzierungsmittel erschlossen und - womöglich seine größte Leistung - das in der nun zwölften Generation auf 130 Personen angewachsene Kraftkollektiv, die Familie, mit Argumenten dauerhaft auf seine Seite gezogen, ohne dass je Einzelne des Clans dagegen öffentlich aufbegehrten.

Auch als er auf seine alten Tage im vergangenen Jahr die bis dahin so brave Firma in eine feindliche und fintenreiche, wenn auch letztlich verloren gegangene Übernahmeschlacht um den Berliner Pharmakonzern Schering führte, folgte die Sippe geräuschlos seinen Plänen, die er in seiner bis heute gültigen Funktion als Ehrenvorsitzender des Familienrats den Gesellschaftern unterbreitet hatte.

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Kein Zweifel: Hans Joachim Langmann ist ein "hervorragender Unternehmer", wie der BASF-Aufsichtsratsvorsitzende Jürgen Strube Anfang Mai in seiner Laudatio zur Aufnahme Langmanns in die Hall of Fame des manager magazins betonte. Er hat die in einem diskret agierenden Familienunternehmen nötige Solidität zur Kunstform erhoben, die Zwänge des Marktes zu einem schnellen und effizienten Wachstum dabei aber nie aus den Augen verloren. Laudator Strube: "Hans Joachim Langmann hat die Tradition von Merck nicht nur als Bindung, sondern vor allem als Quelle von Inspiration und Kraft verstanden."

Langmann blickt auf ein facettenreiches Leben zurück. Die Gesten sparsam, die Gesichtszüge leicht verhärtet - der Physiker, der seinem Unternehmen, wie es bei Konkurrenten anerkennend heißt, stets mit "großer Leidenschaft diente", hat die wichtigsten Firmenkennzahlen noch immer so präsent, als müsste er auf der Stelle die Arbeiten am nächsten Geschäftsbericht abschließen. Und einen Moment glaubt man zu wissen, warum Langmanns Zuhörer, ob Aktionäre oder Vorstandskollegen, in der Vergangenheit dessen umfassende und tiefe Analysen nicht selten als Marter empfanden.

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