Montag, 20. August 2018

Wirtschaft und Medien Halt die Presse

8. Teil: Widerruf und Schadensersatz

Ein Maskenbildner für die Öffentlichkeit, so das Kalkül, kommt da immer noch billiger als ein Rauswurf - zumal meist das Unternehmen die Verschönerung des medialen Selbst bezahlt.

Noch gelingt es finanzkräftigen Verlagen und auf Unabhängigkeit pochenden Redaktionen, sich der Unterwanderung durch Medienberater und Pressestellen zu entziehen.

Doch auch sie geraten in Bedrängnis, wenn die Macher in den Topetagen ihr letztes Geschütz auffahren: die Presseanwälte. In deren Arsenalen lagern Marterwerkzeuge wie Unterlassung und Gegendarstellung, Richtigstellung und Widerruf, Schmerzensgeld und Schadensersatz.

So drohte im Herbst 2005 der Jurist Christian Schertz mit geharnischten Worten, dass er rechtliche Schritte einleiten werde, falls manager magazin die Persönlichkeitsrechte seiner Mandantin verletze. Selbst Schadensersatzansprüche schloss er nicht aus. Wohlgemerkt: Schertz' Brandbrief erreichte die Redaktion noch während der Recherche - eine Reaktion auf schriftlich eingereichte Fragen. manager magazin ließ sich nicht einschüchtern.

Ständig flattern Journalisten solche Schreiben ins Haus, oft erzielen sie die gewünschte Wirkung: Die erschreckten Redakteure stellen ihre Nachforschungen ein.

Wer trotzdem schreibt, muss sich gut wappnen. Denn die Richter, die einst der Meinungsfreiheit Priorität einräumten, stellen jetzt zunehmend das Persönlichkeitsrecht in den Vordergrund.

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Jüngstes Beispiel ist ein Verfassungsgerichtsspruch von 2005. Galt früher bei mehreren Deutungsmöglichkeiten eines Textes jene Auslegung, die für die Presse am günstigsten war, so heißt es nun: Lässt sich eine Darstellung auch so interpretieren, dass eine Persönlichkeitsverletzung vorliegt, ist das Medium zur Unterlassung verpflichtet.

Mehrere Urteile solcher Art sind in den letzten Jahren ergangen. Erkämpft haben sie Medienrechtler wie Matthias Prinz (50) (siehe: "Erfundene Geschichten"). Der Hamburger Anwalt kaprizierte sich ursprünglich auf Stars und Sternchen, Prinzen und Prinzessinnen. Mittlerweile arbeitet seine florierende Kanzlei hauptsächlich für Unternehmer und Manager.

Das Vorbild von Anwalt Prinz hat zahlreiche Nachahmer angelockt - sehr zum Leidwesen der Medien, denn über sie bricht inzwischen eine Flut von Drohbriefen und Klageschriften herein. "Seit 2000 hat sich die Zahl unserer juristischen Auseinandersetzungen um rund 50 Prozent erhöht", sagt Dietrich Krause, Chefjustiziar der SPIEGEL-Gruppe.

© manager magazin 6/2007
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