Dienstag, 13. November 2018

Gründer Alles im Kasten

Mitten in Berlin entsteht in einer ehemaligen Lokfabrik Deutschlands erster "Brutkasten" für Unternehmensgründer.

Die Zukunft entsteht in einem Hinterhof in Berlin-Mitte. Wer sich ihr auf grobem Kopfsteinpflaster nähert, muss erst mal durch die Büros der Werbeagentur Scholz & Friends. Hier wurde die berühmte "FAZ"-Kampagne entwickelt, bei der Helmut Kohl auf einem Dampfer namens "European Freeway" Zeitung liest. Hier entstand aber auch die Idee, junge Gründerunternehmen in einem so genannten Brutkasten reifen zu lassen.

Der Brutkasten ist eine ehemalige Lokfabrik mit dicken Mauern, direkt hinter dem Backsteingebäude von Scholz & Friends. Früher war da auch mal eine Sargfabrik. Aber das vergessen wir gleich wieder. Es würde falsche Assoziationen wecken.

Drei junge Firmen sitzen derzeit im Brutkasten: Die beiden Internet-Firmen Versteigern.de und Netfree sowie die Ampere AG, eine der ersten Firmen, die mit Strom handelten.

Im Hinterhof hat ein kleines Restaurant eröffnet. Da treffen sich die Gründer ganz locker mit Rechtsanwälten, Steuerberatern oder Marketingexperten. Die arbeiten auch im Brutkasten. Sie sind nicht nur für die Jungunternehmer da, haben aber ein besonders großes Ohr für deren typische Fragen und Probleme.

Die Idee, Gründern ein optimales Umfeld für den Start zu bieten, hatten Leute, deren Job es ist, Ideen zu haben. Inspiriert von so genannten Incubators im Silicon Valley, fragten sich eines Tages die Geschäftsführer von Scholz & Friends, Thomas Heilmann (35) und Sebastian Turner (33): Warum gibt's so etwas eigentlich nicht bei uns?

Weil das Glück mit den Mutigen ist, wurde den Werbern alsbald die rückwärtige Immobilie ihrer eigenen Büros angedient. Heilmann und Turner mussten nur noch ein Loch in die Wand schlagen lassen, schon hatten sie einen direkten Zugang zu ihrem 12.000 Quadratmeter großen Brutkasten. Beste Voraussetzungen, um dem Unternehmernachwuchs, vorzugsweise aus den Bereichen Internet und Multimedia, auf kurzen Wegen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Hier bekommen junge Gründer alles, was sie am Anfang brauchen. Zunächst einmal Büroräume, die später flexibel erweitert werden können, wenn der Laden läuft. Vor allem aber profitieren die Jungunternehmer vom Know-how der Brutkasten-Gründer, die ihre Schützlinge mit Tipps und eigenen Erfahrungen tatkräftig unterstützen.

Ende 1998 gründeten die beiden Werber zusammen mit Dirk Buddensiek (34) und Bernd Hardes (30) die Econa AG, gewissermaßen die Firma zum Brutkasten.

Bei der Internet-Firma Versteigern.de zum Beispiel saß Hardes anfangs jeden Tag vier Stunden mit am Tisch, um Kundenprofile zu definieren und Kooperationen mit Partnern auszuhandeln. "Wir geben den Unternehmen die Chance, langsam zu wachsen", sagt Hardes.

Die Econa AG verschafft den Gründern auch das nötige Startkapital. Die Finanzierung funktioniert nach dem Vorbild klassischer Venture-Capital-Firmen. Die vier Econa-Eigner halten selbst Anteile an den Start-ups. Wird mehr Kapital gebraucht, besorgt die Econa das Geld bei anderen Investoren. Dafür müssen die Gründer hohe Mehrheitsbeteiligungen akzeptieren.

Wie gut der Brutkasten funktioniert, zeigt das Beispiel von Versteigern.de. Der Chef der jungen Firma, Botho Graf zu Eulenburg (29), arbeitete bis vor kurzem für Econa-Gründer Buddensiek. Eines Tages präsentierte Eulenburg ihm die Idee der Internet-Auktion via Textmeldung auf dem Handy. Buddensiek war begeistert, beließ es aber nicht dabei, seinem Mitarbeiter anerkennend auf die Schulter zu klopfen. Er bot ihm an, zwei Türen weiter eine eigene Firma zu gründen. Ein paar Wochen später war der Graf selbst Chef.


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