Dienstag, 17. Oktober 2017

Alle Artikel und Hintergründe

Motivation Ausweitung der Arbeitszone

Sie arbeiten 60, 70 Stunden pro Woche, sind fast rund um die Uhr erreichbar - und damit glücklich. Wie schaffen Extremjobber das?

Um halb elf am Dienstagabend hat Gregor von Bonin endlich die dringendsten Mails verschickt und macht sich daran, die "billable hours" für den Mandanten aufzuschreiben. Einiges kommt da zusammen, denn der Junganwalt bei Freshfields Bruckhaus Deringer, Spezialgebiet M&A und Unternehmensrecht, hat einen "All-Nighter" hinter sich, wie er seine Nachtschicht nennt.

  "Es macht mir Spaß, unter Zeitdruck zu arbeiten."  Gregor von Bonin, Anwalt bei der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer
Foto: Christian O. Bruch; Illustration: mm-Grafik
"Es macht mir Spaß, unter Zeitdruck zu arbeiten." Gregor von Bonin, Anwalt bei der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer
"Wir brauchen den Vertrag jetzt doch schon morgen Abend", hatte der Mandant Montag früh kurz und bündig per Telefon verkündet. Das war vor 37 Stunden. Seither hat von Bonin, blaue Augen über gut sitzendem Anzug, am Vertragsentwurf für den Kauf einer IT-Firma gefeilt. Nur unterbrochen von einem Zahnarzttermin morgens um acht, was sich glücklich fügte, denn da konnte er wenigstens mal Zähne putzen.

Übermorgen wird von Bonin 34, aber statt zu feiern, wird er bis in die Nacht mit dem Verkäufer über Haftungshöhen und Verjährungsfristen verhandeln. Am Freitag nimmt er sich "den Abend frei" und verlässt sein Büro um 19 Uhr, aber am Sonntag sitzt er wieder am Schreibtisch, bereitet die kommende Woche vor, liest Akten, schreibt an einem Fachaufsatz.

Eine ganze Nacht im Büro ist auch für von Bonin selten. "Es gibt auch ruhigere Phasen, aber es wird schon mal bis in die Nacht oder am Wochenende gearbeitet", sagt der Anwalt. "Das ist eben kein 9-to-5-Job." Gemecker der Freundin über 14-Stunden-Arbeitstage bleibt ihm erspart; sie arbeitet in einer New Yorker Kanzlei.

Obwohl er sich selbst nie so bezeichnen würde, erfüllt Gregor von Bonin spielend die Kriterien eines "Extremjobbers". So nennt das New Yorker Center for Work-Life Policy in einer Studie die Tausende Topmanager, Anwälte, Berater und Experten, die mit zäher Ausdauer die globale Wirtschaft antreiben. Extremjobber

  • arbeiten mindestens 60 Stunden pro Woche, meist deutlich mehr;

  • sind rund um die Uhr erreichbar;

  • tragen hohe Verantwortung;

  • arbeiten unter enormem Zeitdruck, meist an vielen, oft nicht vorhersehbaren Projekten gleichzeitig, und

  • verdienen weit über dem Durchschnitt.

© manager magazin 2/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH