Mittwoch, 19. Dezember 2018

Lidl Chaos-Kommando

8. Teil: Kulturrevolution gesucht

Angesichts all der Querelen fragt sich manch ein Beobachter, wie lange Gehrig wohl noch die Geschicke bei dem Handelskonzern lenken will. Und tatsächlich bereitet der Lidl-Vormann mittelfristig den Generationswechsel vor. Gehrig spricht von drei, vier Kandidaten, die infrage kämen. Namen nennt er freilich nicht.

Drohende Abwärtsspirale: Manager, die ihre Mitarbeiter herumkommandieren, erzeugen ein Betriebsklima wie auf dem Exerzierplatz. Und das zieht wiederum höchstens zweitklassige Mitarbeiter an.
Zum engeren Kreis der Nachfolger zählen Insider Deutschland-Chef Mros ebenso wie Einkaufsvorstand Karl-Heinz Holland (39). Die besten Chancen, neuer starker Mann bei Lidl zu werden, dürfte indes Vorstandschef Oskierski haben, gilt er doch trotz der Kurztrennung als Gehrigs Ziehsohn.

Eine Wende zum Besseren dürfte sich nach dem Wachwechsel von Gehrig zu Oskierski nicht einstellen. "Mit Oskierski würde die Generation der Verwalter die Macht übernehmen", warnt ein Lidl-Kenner.

Dann droht Lidl umso mehr in eine Abwärtsspirale zu geraten: Manager, die ihre Mitarbeiter herumkommandieren, erzeugen ein Betriebsklima wie auf dem Exerzierplatz. Und das zieht wiederum höchstens zweitklassige Mitarbeiter an. Denen fehlen die Ideen, mit denen sich das Geschäft wiederbeleben lässt. So ist das Rennen mit Aldi nicht zu gewinnen.

Lidl bräuchte nicht weniger als eine Kulturrevolution. Sie könnte nur von einem Mann ausgehen: dem unangefochtenen Lidl-Lenker Klaus Gehrig. In dessen breiter Brust scheinen zwei Seelen zu wohnen. Zum einen sieht er, wo bei Lidl die Probleme liegen und welche Veränderungen nötig wären, um sie zu lösen. Doch gleichzeitig ist Gehrig auch ein Kind der Organisation, die er selbst mit aufgebaut hat. Folge dieses Zwiespalts: Gehrig leitet immer wieder Veränderungen ein, nur um den kleinsten Rückschlag als Beleg dafür zu nehmen, dass es mit den alten Methoden doch besser läuft bei Lidl.

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So hat Gehrig eingesehen, dass der Mangel an gutem Personal inzwischen die wichtigste Wachstumsbremse für Lidl darstellt. Selbstkritisch räumt er ein: "Wir müssen die Mitarbeiter länger an uns binden. Die geburtenschwachen Jahrgänge kommen auf uns zu, die Uhr tickt."

Vor allem will Gehrig das Unternehmen für Nicht-Akademiker öffnen - aus der richtigen Erkenntnis heraus, dass Lidl niemals zum Lieblingsarbeitgeber akademischer High Potentials aufsteigen wird. Statt auf Elite zu setzen, zielt Lidl bei der Rekrutierung künftig auf Real- und auch Hauptschüler. Denen sollen größere Karrierechancen im Unternehmen geboten werden, die über den Posten des Filialleiters hinaus bis in die Managementränge reichen.

Mit einer Reihe weiterer Reformen will Gehrig Lidls Attraktivität als Arbeitgeber steigern. Seit Kurzem hat der Konzern mit Jürgen Kisseberth erstmals einen Geschäftsführer, der sich deutschlandweit um den Bereich Personal und Soziales kümmert. Und wurde der Managementnachwuchs früher während der Einarbeitungsphase als Verkaufsleiter möglichst weit weg von zu Hause eingesetzt, gilt nun das Prinzip der heimatnahen Verwendung.

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