Freitag, 14. Dezember 2018

Lidl Chaos-Kommando

4. Teil: "Es ist wie beim Militär"

In der kumpelhaften Edeka-Welt kam Oskierski nicht zurecht. Nach wenigen Wochen kündigte er bei Netto - Anfang Oktober holte ihn Gehrig wieder zu Lidl zurück und machte ihn Ende 2005 zum Vorstandschef.

 Der Feldwebel: Wilfried Oskierski ist Vorstandschef von Lidl. Ein Headhunter bezeichnet ihn als "treuen Lidl-Soldaten". Er gilt als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge von Klaus Gehrig.
Marcus Spang
Der Feldwebel: Wilfried Oskierski ist Vorstandschef von Lidl. Ein Headhunter bezeichnet ihn als "treuen Lidl-Soldaten". Er gilt als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge von Klaus Gehrig.
Sehr zum Leidwesen von Stefan Rohrer (37), der ebenfalls Ambitionen auf den Chefsessel gehabt hatte. Rohrer kündigte ein paar Monate später. Das war nicht nicht nur ein persönlicher Triumph für Oskierski, sondern auch ein Sieg des Systems: Es gewann der Geheimniskrämer Oskierski gegen den Reformer Rohrer. Der hatte die Gefahren für das Lidl-Wachstum erkannt und wollte das System deshalb etwas menschlicher gestalten.

Unter Oskierski dominieren weiterhin die Apparatschiks und Verwalter eines Gängelsystems, das sich durch den ganzen Konzern zieht. Auf mittlerer Ebene, also oberhalb der Filialleiter, werden frisch diplomierte Hochschulabsolventen geknechtet. Zu Beginn ihrer neuen Tätigkeit müssen sie sich Sprüche wie diesen anhören: "Treiben Sie Sport? Dann lassen Sie es bleiben. Bei Lidl nehmen Sie automatisch 15 Kilo ab."

Frieden mit Greenpeace

Lidl-Vorzugskonditionen für die Umweltschützer

Zu den größten Merkwürdigkeiten im Sortiment der deutschen Lidl-Märkte gehört seit Sommer 2006 das "Greenpeace Magazin". Die eher exotische Zeitschrift, herausgegeben von einer Tochtergesellschaft des gleichnamigen Umweltschutzvereins, ist in jeder Lidl-Filiale erhältlich. Anfangs steckte sie sogar in speziellen Haltern in Augenhöhe direkt an der Kasse. Für eine solch prominente Platzierung ihres Produkts würden Lidl-Lieferanten normalerweise fast alles tun außer Mord – Greenpeace bekam sie gratis.

Erst seit Lidl ein umfangreicheres Zeitschriftensortiment führt, muss sich Greenpeace mit einem normalen Platz im Regal begnügen. 150 000 Exemplare des Ökoblatts, das ist mehr als die Hälfte der Gesamtauflage, werden alle zwei Monate direkt an Lidl geliefert – und nicht wie die übrigen Presseerzeugnisse über Grossisten. Durch die direkte Lieferung verzichtet Lidl auf das sonst bei Presseerzeugnissen übliche Remissionsrecht.

Mit anderen Worten: Alle gelieferten Exemplare des Magazins werden von Lidl bezahlt, obwohl nur einige tausend zum stolzen Stückpreis von 4,90 Euro einen Käufer finden. Der Rest geht gratis an die Filialmitarbeiter oder ins Altpapier.

Ins Lidl-Sortiment geriet das "Greenpeace Magazin" wenige Monate nach einem für Lidl verheerend ausgefallenen Test, in dem Greenpeace Gemüse aus verschiedenen Supermärkten auf Pestizidrückstände untersucht hatte. Selbstverständlich schließen alle Beteiligten aus, dass Lidl mit der Listung die Umweltorganisation milde stimmen will.
Kein Wunder, dass rund die Hälfte der akademischen Neulinge angesichts solch derber Worte und eines immensen Arbeitspensums schon innerhalb der ersten sechs Monate das Handtuch wirft. Auch ein Einstiegsgehalt von knapp 4000 Euro, ein Audi A4 als Dienstwagen und der schöne Titel Verkaufsleiter bieten da wenig Trost. Die unfeine Behandlung spricht sich herum in Bewerberkreisen: Auf Lidl-Stellenanzeigen in der "FAZ" melden sich immer weniger Bewerber.

"Es ist wie beim Militär. Widerspruch ist nicht erwünscht", sagt ein studierter Jurist und ehemals angehender Verkaufsleiter, der es sechs Monate bei Lidl aushielt.

Ex-Militärs passen deshalb auch bestens in das Lidl-System. Als es kurz nach der Wende darum ging, Lidl in den neuen Ländern aufzubauen, wurde die Parole ausgegeben: Lasst uns ehemalige NVA-Leute einstellen. Was auch zack, zack geschah.

Nicht nur Ex-Militärs beherrschen das bei Lidl beliebte Spiel von Hire & Fire. Ehemalige Lidl-Leute erzählen, wie sich Topmanager gegenseitig zu übertrumpfen versuchten: Ich habe sechs Prokuristen abserviert, und Sie nur drei! Der jetzige Deutschland-Chef Frank-Michael Mros (42) war zum Beispiel kaum mehr als eineinhalb Jahre Geschäftsführer der Lidl-Region Dresden. In dieser kurzen Zeit verloren dort vier Manager ihre Prokura.

© manager magazin 2/2007
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