Donnerstag, 21. Juni 2018

Globalisierung Die Welt als Zitrone

Nobelpreisträger Joseph Stiglitz sucht weitschweifig nach der gerechten Weltordnung. Sein neues Buch "Die Chancen der Globalisierung" führt ihn dabei stets zu dem Schluss, dass der Markt nicht alles zum Besten regelt.

Erkenntniswert: Wer Wirtschaft studiert hat, der kennt mit großer Wahrscheinlichkeit Joseph Stiglitz' berühmte Parabel vom "Market for Lemons". Da wundert sich der US-Ökonom, dass sich auch "Lemons" (klapprige Gebrauchtwagen) an den Mann und die Frau bringen lassen. Warum? Weil die Mängel dieser Autos versteckt sind, die Käufer also den wahren Zustand der Fahrzeuge nicht erkennen.


Joseph Stiglitz: "Die Chancen der Globalisierung";
Siedler Verlag, 448
Seiten, 24,95 Euro.
Schlimmer: Auch der Markt für Top-Gebrauchtwagen ("Plums") wird verdorben, denn diese Fahrzeuge stehen ebenfalls unter Zitronenverdacht. Im Ökonomenjargon: Die "Informationsasymmetrie" zwischen Käufer und Verkäufer verhindert ein ordentliches Funktionieren des Marktes. 2001 wurde Stiglitz unter anderem für die "Lemons"-Arbeit mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Sein ganzes Forscherleben hat er sich mit dem Versagen von Märkten befasst. Das prägt. Stiglitz ist heute der wohl profilierteste Globalisierungskritiker.

Sein neues Buch "Die Chancen der Globalisierung", Fortsetzung von "Die Schatten der Globalisierung" aus dem Jahr 2002 bietet allerdings nicht viel Neues. Die stete Wiederholung der Standardökonomik (immer wieder Adam Smith) führt ihn stets zu dem Schluss, dass der Markt nicht alles zum Besten regelt, sondern dass es staatlicher Regulierung und Umverteilung sowie effektiver internationaler Institutionen bedarf. US-Konservative kann man damit provozieren.

Globales Identitätsbewusstsein: Welt-Ökonom Stiglitz
Stil: Weitschweifig. Scharfsinnige Analysen gehen unter in einem Wust von Polemik und Appellen zum Gutmenschentum - wie dem, ein "globales Identitätsbewusstsein" (Beispiel für die holprige Übersetzung) zu entwickeln.

Nutzwert: "Die Chancen der Globalisierung" richtet sich an oberflächlich informierte amerikanische Laien. Das Buch ist gefangen in der polarisierten Auseinandersetzung, die die USA unter George W. Bush prägen. Spezifisch europäische Globalisierungserfahrungen, insbesondere die Folgen der EU-Osterweiterung, finden keine Erwähnung. Kurz: für kritische europäische Köpfe kaum empfehlenswert.

© manager magazin 12/2006
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