Donnerstag, 13. Dezember 2018

Management-Audits Die Reifeprüfung

Management-Audits können Karrieren beschleunigen oder jäh stoppen. Selbst gestandene Führungskräfte fürchten die Bewertungsrunden. manager magazin sagt, was passiert, wenn die Chefs benotet werden. Und wie sie sich darauf einstellen können.

Ein wenig mehr Dramatik würde man schon erwarten angesichts der Tatsache, dass die nächsten zwei Stunden entscheidend sein könnten für die Karriere von Anna Kramer (Name von der Redaktion geändert). Pulsierende Streicher vielleicht oder wenigstens etwas dunkles Eichenholzparkett. Stattdessen gibt es grauen Teppichboden, Deckenfluter und ein Flipchart im Konferenzraum der Wiesbadener Personalberatungsfirma RSVP.

Management-Audit: Mithilfe mehrstündiger Interviews werden Führungskräfte neu beurteilt
Auf dem Tisch stehen Flaschensaft und Thermoskannenkaffee; dahinter sitzen Herr Eckstein und Frau Baues und erkundigen sich freundlich, was Frau Kramer denn so getrieben habe in den letzten, sagen wir, zehn, fünfzehn Jahren. "Oder am besten", sagt Berit Baues und dreht ihr Lächeln noch etwas auf, "Sie fangen einfach mit Ihrer Kindheit an."

Draußen ist es herbstmorgendüster, der Wind wirbelt Blätter vor sich her, und vielleicht beginnt Anna Kramer deshalb mit der Geschichte, wie sie als Kind gern Bäume und Blätter bestimmte und schon früh wusste, dass sie Forscherin werden wollte. Sie trägt Kostüm, kurze Haare, schlichte Ohrringe und redet schnell, aber deutlich, wie jemand, der es gewohnt ist, dass andere ihm zuhören. Kramer leitet die Forschungsabteilung einer großen Biotechfirma, ihr Unternehmen wurde aufgekauft, der Käufer will wissen, was seine Führungsmannschaft taugt, und jetzt sitzt sie im Management-Audit.

Seit Mitte der 90er werden solche Audits in Deutschland eingesetzt zur Beurteilung von Führungskräften mithilfe mehrstündiger strukturierter Interviews durch meist externe Berater. Längst dienen sie nicht mehr nur als Selektionsinstrument bei Übernahmen, sondern werden "verstärkt zur systematischen Potenzialanalyse und Führungskräfteentwicklung verwendet", sagt Klaus Wübbelmann, Autor diverser Standardwerke zum Thema. In den Infobriefen, die Audits ankündigen, ist etwa zu lesen: "Wir sind fest davon überzeugt, dass dieses Projekt für das Unternehmen als Ganzes und für jeden Beteiligten einen Gewinn bedeutet."

© manager magazin 12/2006
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