Donnerstag, 15. November 2018

Türkei Europas letzte Chance

Kaum ein EU-Politiker macht sich noch stark für den Beitritt der Türkei zur Europäischen Union. Dabei brauchen wir die Türken dringender als sie uns. Eine Analyse.

Wenn europäische Spitzenpolitiker über die Türkei sprechen, dann hört sich das so an: Natürlich stehe sie als Bundeskanzlerin zu den "ergebnisoffenen" EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei, sagt Angela Merkel bei ihrem Besuch in Istanbul. Aber als CDU-Vorsitzende bevorzuge sie weiterhin eine "privilegierte Partnerschaft".

Morgenlanddämmerung: Brüsseler Wahrzeichen Atomium
[M] DPA; mm.de
Morgenlanddämmerung: Brüsseler Wahrzeichen Atomium
In Brüssel betrachtet EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso den Islam als "einen Teil des europäischen Erbes". Und macht gleichzeitig klar: "Wir werden unsere Werte auf keinen Fall ändern. Die Türkei will der EU beitreten, nicht umgekehrt."

Geht es um die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei, dann verfallen die meisten EU-Politiker in eine Sprache, wie sie sonst gegenüber ungeliebten Verwandten üblich ist. Gegenüber verarmten Vettern oder schrulligen Schwägern, die man mit allerlei vorgeschobenen Einwänden doch noch von ihrem lange geplanten Besuch abzuhalten hofft.

Die Wortwahl entspricht ziemlich genau den wahren Gefühlen. Ein gutes Jahr nach dem Beginn der Beitrittsverhandlungen wird das Anklopfen der Türken vor allem als Ruhestörung empfunden. Keine europäische Regierung hat mehr Lust, sich entschlossen für den EU-Beitritt der Türkei einzusetzen. Die Kommission bemängelt in ihrem Fortschrittsbericht vor allem die Defizite des Landes, und das EU-Mitglied Zypern droht damit, die Verhandlungen gänzlich zu blockieren.

Wenn Ömer Sabanci die Argumente gegen die Mitgliedschaft seines Landes im Europa-Club hört, dann huscht ein Schatten der Ungeduld über sein Gesicht. Zu oft hat er sich diese Sätze schon anhören müssen. Sabanci ist Vorstandsmitglied der zweitgrößten Industrieholding der Türkei - geführt wird die Sabanci Group von seiner Cousine - und zugleich Präsident des türkischen Industrieverbands Tüsiad. "Die EU braucht den Beitritt der Türkei genauso dringend, wie die Türkei die EU braucht", sagt Sabanci. Einer dieser Sätze, die in der EU momentan kaum einer hören mag. Vielleicht, weil er in geradezu schmerzlicher Weise wahr ist.

Für die Europäische Union verkörpert die Türkei die vielleicht letzte Chance, ihre Wachstumsschwäche zu überwinden und ihrer heraufziehenden demografischen Krise zu begegnen.

© manager magazin 12/2006
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