Freitag, 23. Juni 2017

Standort D Heimliche Herrscher

Ein neuer Typ von Großanlegern übernimmt die Macht in deutschen Konzernen - und lehrt die Vorstände das Fürchten. Wer sind die Turbokapitalisten, die Deutschlands Topmanager vor sich hertreiben? manager magazin stellt die 30 aggressivsten Investoren vor.

Es war ungewöhnliche Post, die Ende August 2006 die Aufsichtsräte der Tui AG Börsen-Chart zeigen erreichte: eine Sammlung von Magazin- und Zeitungsartikeln. Alle befassten sich mit der Lage des Tourismuskonzerns. Alle schilderten vor allem die Schwächen. Noch ungewöhnlicher als der Inhalt war der Ort, an dem die kleine Horrorshow aus dem Fax surrte: der Robinson Club Amadé im Salzburger Land.

Tui-Chef Michael Frenzel (59) hatte den Aufsichtsrat zum dreitägigen Strategietreffen in die Freizeitanlage geladen. Aber nicht einmal hier im beschaulichen Kleinarl hatte er Ruhe vor seinem gefährlichsten Gegner: Stephan Howaldt (40). Der Deutsche in Diensten des britischen Pensionsfonds Hermes bedrängt Frenzel schon seit Monaten. 3 Prozent der Tui-Aktien haben die Briten erworben; und es ist nicht ihre Art, brav Tee zu trinken und auf Kursgewinne zu warten.

Mal besucht Howaldt den Tui-Chef und erklärt ihm, wie er sich die künftige Strategie des hoch verschuldeten Konzerns vorstellt. Mal verbündet er sich mit Klaus Kaldemorgen (53), dem Chef der Fondsgesellschaft DWS, und erläutert Tui-Aufsichtsratschef Jürgen Krumnow (62), was mit dem Konzern passieren muss: etwa, dass aus Tui binnen maximal 18 Monaten zwei Unternehmen werden sollten; eins für Tourismus und eins für Containerschifffahrt. Mal hat er das Gefühl, dass zu wenig passiert, und schiebt einen Stapel Papier ins Fax. Einfach nur, um die Aufsichtsräte daran zu erinnern, wie schlecht es dem Konzern unter Frenzels Führung ergehe.

Seit 13 Jahren führt Michael Frenzel Tui. Er wurde hoch gelobt für den mutigen Umbau des Konzerns vom Gemischtwarenladen zum Tourismusspezialisten, und er wurde viel gescholten, als die Ergebnisse die Verheißungen nicht erfüllten. Noch nie aber hat ihn jemand so unter Druck gesetzt wie der britische Pensionsfonds und dessen teutonischer Manager.

In Kleinarl brachte Frenzel den Aufsichtsrat noch einmal hinter sich. Er will den Konzern nicht spalten. Ein solcher Schritt gefährde die 50.000 Tourismusjobs der Tui, das hat er den Kontrolleuren klargemacht. Im Dezember verkündete Frenzel dann zwar drastische Einschnitte im Touristikgeschäft und neue Wachstumspläne. Doch zugleich musste er die Gewinnprognose nach unten korrigieren und eingestehen, dass die Aktionäre für 2006 keine Dividende erhalten. Der Druck auf ihn hat sich damit weiter erhöht.

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