Sonntag, 9. Dezember 2018

Editorial Kritische Größe

Siemens steckt in einer absolut entscheidenden Phase seiner Geschichte.

Siemens Börsen-Chart zeigen

ist immer noch ein Bluechip, ein Paradepferd der deutschen Wirtschaft. Oder etwa nicht? Nach dem Verkauf der Handysparte an BenQ und der Abschiebung des Netzwerkgeschäfts in ein Joint Venture mit Nokia Börsen-Chart zeigen zögern manche Industriekenner, wenn man sie auf die Perspektive des Konzerns anspricht.

Arno Balzer, Chefredakteur
Seit gut eineinhalb Jahren amtiert der neue Vorstandschef Klaus Kleinfeld. Der hat sich entschlossen an die Arbeit gemacht und einen Strategieschwenk ausgerufen - zum weltweiten Infrastrukturausrüster, spezialisiert auf Technologie für Medizin, Industrie und Energie. Doch selbst im eigenen Haus ist die Botschaft nicht überall angekommen. Etlichen Siemensianern geht die Neuausrichtung zu schnell. Manche, bis hinein in den Aufsichtsrat, vermissen Kontinuität. Andere fordern, der Chef müsse neues Wachstum mit der gleichen Verve schaffen, mit der er Bereiche abgestoßen hat.

Wie geht es weiter mit dem größten Industriekonglomerat Deutschlands? Das fragten sich alle, die mm-Redakteurin Eva Müller bei ihren Recherchen traf. Egal ob Konzerninsider, Konkurrent, Kapitalmarktprofi oder Gewerkschafter, jeder sah das Unternehmen in einer absolut entscheidenden Phase seiner 159-jährigen Geschichte. Müller besuchte nicht nur Kleinfeld in dessen Büro am Wittelsbacher Platz in München. Sie ließ sich von Medizinchef Erich Reinhardt in Erlangen in die Finessen von Computertomografen einweisen, durfte auf der Teststrecke in Wegberg-Wildenrath das jüngste Triebzugmodell Probe fahren und besichtigte in Berlin die größte Gasturbine der Welt. Haben die verbliebenen Bereiche genug Wachstumskraft und kritische Größe? Oder verspielt Siemens womöglich seine Zukunft? Antworten liefert unsere Titelgeschichte ab Seite 36.

Mehr als die Hälfte aller deutschen Familienunternehmen steht nach einer Studie der Wirtschaftsprüfer von Pricewaterhouse Coopers über kurz oder lang vor dem Verkauf, weil die Alteigentümer es versäumen, rechtzeitig einen Nachfolger aufzubauen. Ein Kandidat ist Haribo - ein finanziell kerngesunder Mittelständler aus Bonn, dessen Gummibärchen in keinem Supermarktregal fehlen. Haribo-Chef Hans Riegel (83) redet nur noch selten mit Journalisten. Für mm machte er eine Ausnahme und empfing die beiden Redakteure Wolfgang Hirn und Jörn Sucher. Mit rheinischem Humor und unternehmerischem Ernst beantwortete er deren Fragen. Nur bei einer druckste er herum: Wer wird sein Nachfolger? Der alte Mann will offenbar keinen mehr suchen und Chef bleiben - solange Gott will.

Wieder einmal kann ein Unternehmer nicht loslassen und gefährdet damit sein Lebenswerk. Die Geschichte über den alten Mann und den Bären lesen Sie ab Seite 50.

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