Sonntag, 28. Mai 2017

Steuerfahndung Auf der Flucht

4. Teil: "Jeder ist ein Betrüger ..."

Nachdem die Steuerpolizisten dem Anwalt zu verstehen gegeben hatten, dass sie den Fall bei einer Nachzahlung von 10.000 Euro zu den Akten legen würden, wies er ihnen die Tür. Wenig später wurde das Verfahren eingestellt. "Jeder von uns", fasst Gerken seine Erfahrungen zusammen, "ist für die Steuerbeamten zunächst ein Betrüger, und zwar so lange, bis das Gegenteil bewiesen ist."

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Doch selbst der Beweis der Unschuld reicht manchmal nicht. Bei einer Firma, die mit Vitaminpillen und Mineraldrinks handelte, gaben sich die Finanzbeamten nicht mit den für Lebensmittel üblichen 7 Prozent Umsatzsteuer zufrieden. Sie verlangten 16 Prozent und pfändeten rund 2,5 Millionen Euro - nicht nur von den Firmenkonten, sondern auch aus dem Privatvermögen des Geschäftsführers. Mit ihrem Übereifer verschafften die Beamten der Staatskasse letztlich keinen Cent, stattdessen handelten sie sich einen schweren Rüffel von den zuständigen Finanzrichtern ein.

Ganz gleich, wie ein Streit mit dem Finanzamt aber juristisch ausgeht, die sich meist über Jahre hinziehenden Auseinandersetzungen bergen kaum abschätzbare Risiken. So wurde etwa eine Firma aus der Nähe Hamburgs durch die Anschuldigungen eines übereifrigen Finanzbeamten mit Kontenpfändungen lahm gelegt.

Und bei den Hausdurchsuchungen sollen die Steuerfahnder die Kinder des Firmeninhabers Torsten Werlin (Name von der Redaktion geändert) massiv eingeschüchtert haben: "Der Papa", soll ein Beamter feixend getönt haben, "kommt wohl bald ins Gefängnis." Den Druck der Staatsmacht und das Getuschel ihrer Nachbarn über das Strafverfahren konnte Werlins Frau schon bald nicht mehr ertragen, sie reichte die Scheidung ein.

Als die Richter dem Unternehmer nach jahrelangen Gerichtsverfahren bescheinigten, dass die Steuerforderungen in zweistelliger Millionenhöhe nicht rechtens gewesen waren, hatte die Firma längst Insolvenz angemeldet.

Es sind Horrorgeschichten wie diese, Geschichten, weitergetragen von Nachbarn und Freunden, die den Abzug von Vermögensteilen ins Ausland als Sicherheitspolster so attraktiv erscheinen lassen. Die von Rot-Grün durchgedrückte Kontenabfrage wirkt nur noch als zusätzlicher Auslöser.

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