Mittwoch, 14. November 2018

Dalli-Gruppe Die Melkschemel-Theorie

2. Teil: Ritter vom Heiligen Grab

Geschäftsführer Albrecht Wirtz (38), ein Spross des Stammes Andreas, musste gehen - worauf Franz und Andreas das Interesse an der Firma verloren. Mit professioneller Hilfe von Investmentbankern dienten sie - was offiziell bestritten wird - ihre Anteile der britischen McBride an, der Nummer eins unter Europas Herstellern von Private-Label-Waschmitteln.

Das Reich der Wirtz-Sippe: Die Brüder Hermann und Michael haben das Sagen
manager magazin
Das Reich der Wirtz-Sippe: Die Brüder Hermann und Michael haben das Sagen
Die Briten zeigten offenbar Interesse an der Dalli-Mehrheit - auf diese Weise hätten sie den deutschen Markt erobern können. Allein, ein Abschluss scheiterte früh am Veto des Stammes Michael und Hermann. Worauf Andreas und Franz nur der Verkauf an die Stammesbrüder blieb - zu einem geschätzten Preis von 80 bis 90 Millionen Euro.

"Natürlich", sagt Hermann Wirtz, ohne konkrete Zahlen zu bestätigen, "haben wir hart gerungen, um zu einem Ergebnis zu kommen."

Ein Happyend also? Ein traditionsreiches deutsches Familienunternehmen vor der Zerschlagung gerettet?

Kommt darauf an, ob die Sippe auch langfristig die Kompetenz hat, es weiterzuführen. Und das ist nicht so einfach, denn

  • Grünenthal sorgt zwar derzeit mit Opiaten und einer Antibabypille für zweistellige Profitmargen, allerdings laufen die Patente wichtiger Umsatzbringer aus; wenn die Pipeline nicht schnell gefüllt wird, geht es an die Existenz;
  • Dalli arbeitet in einem der schwierigsten Märkte überhaupt, Handelsriesen wie Aldi und Lidl diktieren die Bedingungen: Wer nicht extrem kostengünstig produziert, ist aus dem Geschäft - zumal die britische Konkurrenz nach Deutschland drängt;
  • Mäurer + Wirtz braucht enorme Werbeetats; gehen zwei, drei Markeneinführungen schief (wie "Provocation" von Dieter Bohlen), rechnet sich das Geschäft nicht mehr.

Das neue manager magazin

Titel
Die Jagd auf Wiedeking
Der Ex-Porsche-Chef in den Fängen der Justiz

Dass die hohe Managementkomplexität eines solchen Konglomerats nur in den seltensten Fällen zu einem Familienunternehmen passt, hat sich noch nicht bis Stolberg herumgesprochen. Hermann Wirtz offenbart sich stattdessen als Anhänger der "Melkschemel-Theorie"; er meint, auf drei Beinen stehe man am besten.

Ein familienfremder Experte, der frühere Bayer-Vorstand Werner Spinner (57), hatte als Beiratsvorsitzender vergeblich versucht, mehr strategische Professionalität ins Geschäft zu bringen. Doch die Familienoberhäupter sahen keine Notwendigkeit, sich von Investmentbankern ihre Optionen vorrechnen zu lassen.

Stattdessen genießt Hermann Wirtz gemeinsam mit seinem Bruder Michael den Machtzuwachs. Hermann kümmert sich vor allem um Dalli. Der Ältere hat ein Auge auf Grünenthal, soweit ihm seine Ehrenämter als IHK-Präsident zu Aachen und führender Ritter des elitären katholischen Ordens vom Heiligen Grab dazu Zeit lassen.

Nun gebe es wieder, wie schon zu Großvaters Zeiten, eine klare Führung, frohlockt Hermann Wirtz angesichts der Mehrheiten bei Dalli und Grünenthal: "Die Entscheidungen liegen überwiegend bei meinem Bruder und mir."

Spinner seinerseits hat angesichts von so viel Familiensinn resigniert. Er legt vorzeitig zum 31. August den Beiratsvorsitz nieder.

Seite 2 von 2

© manager magazin 8/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH