Donnerstag, 19. Oktober 2017

Auswanderungswelle "Wir bluten aus"

Migrationsforscher Klaus Bade im Gespräch mit manager magazin über die Eigendynamik von Auswanderungswellen

mm: Herr Professor Bade, immer mehr hoch Qualifizierte verlassen Deutschland. Beunruhigt Sie das?

Prof. Klaus Bade ist Deutschlands profiliertester Migrationsforscher
Bade: In der Tat. Wir befinden uns in einer migratorisch suizidalen Situation. Es gelingt uns immer schlechter, jungen, fähigen Leuten hier in Deutschland eine Perspektive zu bieten. Von Nachwuchswissenschaftlern höre ich immer wieder: Wir haben die Schnauze voll, wir gehen. Kein Wunder, dass auch die Zuwanderung von Topleuten aus dem Ausland dramatisch abnimmt. Diejenigen, die in Deutschland zuwandern, sind überwiegend gering oder wenig passfähig qualifiziert.

mm: Kann man daran nichts ändern?

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Bade: Natürlich. Wir müssten eine gezielte Zuwanderungspolitik betreiben. Das Zuwanderungsgesetz sah ursprünglich ein Punktesystem vor, nach dem sich geeignete Einwanderer bewerben können - die Regelung wurde gestrichen. Die Engländer führen sie gerade ein, obgleich die wesentlich besser dastehen als wir. Wir müssten wenigstens jährlich ein respektables Kontingent an qualifizierten Arbeitskräften nach Deutschland holen. Das haben meine Kollegen und ich im Sachverständigenrat für Zuwanderung und Integration vorgeschlagen. Ergebnis: Das Gremium wurde aufgelöst. Zuwanderung wird nach wie vor als Bedrohung empfunden. Dabei ist sie eine große Chance - wenn wir für qualifizierte Ausländer attraktiver wären, würden sich auch viele mobile Deutsche fürs Bleiben entscheiden.

mm: Ist die derzeitige Auswanderungswelle nicht eher eine Mode, getrieben von der schwachen Wirtschaftsentwicklung der vergangenen Jahre?

Bade: Ich fürchte, nicht mehr. Wanderungsbewegungen haben ihre eigene Dynamik. Sie beginnen langsam und können sich dann zu einer mitreißenden Bewegung ausweiten. Diejenigen, die den Schritt ins Ausland gemacht haben, melden zurück: Das läuft sehr gut hier. Dann entschließen sich weitere zu gehen. Da folgt eine Spur der anderen. Die Alternative wegzugehen setzt sich in den Köpfen fest. Vor zehn Jahren war das noch kein Thema, heute ist es eines.

mm: Sie rechnen also mit einem weiteren Anstieg der Zahlen?

Bade: Allerdings. Der Sog hat sich entfaltet, und er wird so schnell nicht verschwinden. Das Entscheidende sind aber nicht die Zahlen, sondern die Migrationsprofile. Und die zeigen: Wir bluten aus. Nur in der Öffentlichkeit ist das Thema noch nicht angekommen. Manchem werden da in den nächsten Jahren noch die Ohren schlackern.

© manager magazin 7/2006
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