Mittwoch, 28. September 2016

Auswanderung Ihr fehlt uns

Die größte Auswanderungswelle in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland stellt das Land vor bislang ungeahnte Probleme. Ein Misstrauensvotum gegen die Zukunftsfähigkeit der Heimat.

Zuerst ist es nur ein Tröpfeln. Vereinzelt verlässt jemand seine Heimat, macht sich auf in die Fremde. Dann vereinigen sich einzelne Tropfen zu einem Rinnsal, einem schmalen, aber stetigen Menschenstrom. Das Rinnsal wächst, wird schließlich zu einem reißenden Strom - zu einer kollektiven Fluchtbewegung von hier nach dort. So bauen sich Auswanderungswellen auf.

Massenbewegung: Zuerst ist es nur ein Tröpfeln
Christian Neumeister (35) ist Teil dieser Massenbewegung. Vor zwei Jahren verlor er seine Stelle beim thüringischen Jenoptik-Konzern. Er setzte sich hin und kalkulierte seine Optionen. Zu Hause in Jena einen Job suchen? Oder in Süddeutschland? Oder in Amerika? Die Entscheidung erleichterte ihm ein Bekannter, der schon seit 1995 in den USA lebte.

Zusammen gründeten sie in New York die Firma EUmerica - nun helfen sie gestressten deutschen Mittelständlern, ihre Produkte in den USA zu verkaufen. "Das Business hier ist fantastisch", sagt Neumeister. "Die Leute sind neugierig und offen." Noch kann er sich schwer vorstellen, auf Dauer in Amerika zu bleiben. Aber angesichts der Aussichten in Deutschland sieht er derzeit keine realistische Möglichkeit zurückzukehren.

Neumeisters Entscheidung, so verständlich sie individuell ist - für die deutsche Gesellschaft bedeutet sie einen herben Verlust. Wie inzwischen hunderttausende Bundesbürger investiert nun auch der Ökonom aus Thüringen seine Energie, sein Können und sein Wissen jenseits deutscher Grenzen.

Eine gigantische Auswanderungswelle hat die Bundesrepublik erfasst. Es verlassen so viele Deutsche das Land wie seit Generationen nicht mehr. Rund 145.000 waren es im vorigen Jahr - 60 Prozent mehr als Anfang der 90er Jahre.

In Wirklichkeit liegen die Zahlen noch höher. Denn von der offiziellen Statistik werden all jene Bundesbürger nicht erfasst, die vergessen, sich beim Fortzug ordnungsgemäß abzumelden. Tatsächlich wandern inzwischen wohl rund 250.000 Deutsche jährlich aus, vermuten Fachleute.

Ein Misstrauensvotum gegen die Zukunftsfähigkeit ihrer Heimat.

Mehr manager magazin
Zur Startseite

© manager magazin 7/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH