Mittwoch, 12. Dezember 2018

Edelschneider Stil nach Maß

Die Ansprüche an das Äußere des deutschen Mannes sind stärker ins Blickfeld geraten. Die Handwerker der Nadel-und-Fadenzunft feiern ausgerechnet am Hochlohnstandort Deutschland ein fulminantes Comeback.

Der Empfang ist nahezu fürstlich. Feinster Parkettfußboden, Stuck und Marmor, Möbelantiquitäten und unter der Decke ein Kronleuchter. Ein Dienstleister zieht vor dem Kunden innerlich den Hut und geleitet ihn in einen abgelegenen Raum, ähnlich prächtig ausgestattet, zusätzlich allerdings versehen mit wandfüllenden Spiegeln. Ein Ambiente wie im Film.

Akkurat: Volkmar Arnulf, Leibschneider von Ex-Kanzler Kohl, ist Vormann der Berliner Zunft und beschäftigt fünf Gesellen in seiner Werkstatt am Ku'damm
Werner Huthmacher
Akkurat: Volkmar Arnulf, Leibschneider von Ex-Kanzler Kohl, ist Vormann der Berliner Zunft und beschäftigt fünf Gesellen in seiner Werkstatt am Ku'damm
Doch dann beginnt die Tortur. Der Handwerker rückt mit dem Metermaß an. Arme heben, Brustumfang messen, Schulterbreite und Hüftumfang, selbst der Bauch wird in das Kalkül einbezogen und die Beinlänge vom Schritt bis zu den Knöcheln.

Und nun die Qual der Wahl: Muster und Ballen hunderter Stoffe - blau und grau, gestreift und kariert, zart oder derb - wollen durchgesehen werden. Und, bitte, fragt der Schneider, wie soll das gute Stück denn ausfallen, weite Hosenbeine oder enge, breite Revers oder schmale, Schlitze am Sakko, wenn ja, wo? Oder lieber keine?

Tausende von Entscheidungen binnen weniger Minuten - der Anzug vom Maßschneider bedeutet ein hartes Stück Arbeit für den Kunden, erst recht für den Schneider. Dennoch suchen immer mehr Herren, die auf sich halten, den Weg voller Steine und Dornen zum wirklich authentischen, unverwechselbaren und perfekt sitzenden Kleidungsstück. Das durch dick und dünn die Form wahrt und auf jedem Parkett bestehen kann.

"Der Kunde des Maßschneiders braucht keinen visuellen Geschmack", notiert die amerikanische Kunstwissenschaftlerin Anne Hollander in ihrer Modebibel "Anzug und Eros" punktgenau, "der Schneider hat ihn für ihn und wird den Kunden nicht aus dem Geschäft lassen, wenn sein Aussehen im Anzug der Firma Schande machen könnte." Das Aussehen des Konfektionskunden hingegen liege, oh Jammer, ganz in dessen eigener Verantwortung.

Und so erfährt das Nadel-und-Faden-Gewerbe regen Zulauf, seit die Ansprüche an das Äußere des deutschen Mannes stärker ins Blickfeld geraten sind. Das Deutsche Mode-Institut in Krefeld, Lobbyvereinigung der Zunft, zählt rund 90 Betriebe von Flensburg bis Kempten, an der Spitze das Trachtenland Bayern mit 40 Ateliers.

© manager magazin 4/2006
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