Dienstag, 13. November 2018

Quandt-Dynastie Erben ohne Fortune

2. Teil: Ausverkauf in Hannover

Der Fall Varta oder: Der Ausverkauf

Sven Quandt trinkt heute schwarzen Tee ("eine Ausnahme"), sonst nur Wasser. Der knapp zwei Meter große, schlanke Mann mit den kurzen grauen Haaren trägt dunkelblaues Tuch, eine blaue Krawatte mit Streifen, eine randlose Brille mit blauen Bügeln. Zwei Handys und ein Laptop, die er neben sich platziert hat, vermitteln den Eindruck von Unabkömmlichkeit.

Vom Mutterschiff zum Sorgenkind: Varta bildete einst den Kern Quandtschen Industriebesitzes
Man könnte ihn für einen Investmentbanker oder Unternehmensberater halten. Dass er schon siebenmal die Rallye Paris-Dakar gefahren ist und ihm der "Playboy" eine Wüstengeschichte ("Der Sand-Mann") widmete, erscheint so weit weg wie die glorreiche Zeit, als der Hannoveraner Batteriehersteller Varta noch den Kern Quandtschen Industriebesitzes bildete. "Varta war das Mutterschiff", sagt Sven.

Als Herbert Quandt seinen drei Kindern aus zweiter Ehe 1978 die Varta-Mehrheit vermachte, konnte er nicht ahnen, dass die Technologie für Auto- und Gerätebatterien bald ausgereizt sein würde. Während sich die Wettbewerber zu Giganten zusammenschlossen, fiel Varta immer weiter zurück.

Die Nachkommen hätten die mageren Gewinne reinvestieren und sich zu einer Vorwärtsstrategie samt Kapitalerhöhung durchringen müssen. Doch es fehlte ihnen offenkundig an einer einheitlichen Willensbildung und an Entschlusskraft.

Sabina, die in den USA weilte, pochte auf hohe Dividenden. Für Schmuckhändlerin Sonja hingegen war Varta eine Herzensangelegenheit. Bei Firmenjubiläen verschenkte sie Silbertabletts und Grußkarten mit selbst verfassten Gedichten. Sven versuchte sich als Unternehmer: "Ich war operativ tief drin", sagt er, "habe selbst die Kunden besucht."

Es nützte nichts: Varta rutschte in die Verlustzone. Im Jahr 2000 stieg die Deutsche Bank Börsen-Chart zeigen als Hauptinvestor ein. Sabina versilberte ihre Anteile für rund 40 Millionen Euro, Sonja und Sven blieben über eine Zwischengesellschaft mit gut 20 Prozent beteiligt.

Zwei Jahre später wurden die Sparten Auto- und Gerätebatterien einzeln an US-Wettbewerber weitergereicht. Der Ausverkauf dürfte Sonja und Sven je rund 60 Millionen Euro eingebracht haben. Lediglich das Geschäft mit Mikrobatterien (Umsatz: 130 Millionen Euro) ist heute noch in deutscher Hand. Sven und Sonja halten Anteile an der Mini-Varta, und sie gehören dem Aufsichtsrat der Varta-Holding an, die sich unter anderem um Pensionsverpflichtungen und Werkswohnungen kümmert.

Sonst gehen die Geschwister getrennte Wege: Sonja führt das Silberwarengeschäft Vogelsang nahe der hannoverschen Oper. Sven arbeitet als sein eigener Vermögensverwalter, kauft und verkauft Firmen, mal eine für Autositze, mal eine für Fertigungssteuerung oder Hafengerätschaften. Und er hält diverse Beiratsmandate, etwa bei der Hamburger Privatbank Wölbern. Sein Mittelpunkt ist das Städtchen Trebur bei Frankfurt; dort residiert auch seine Motorsportfirma X-Raid.

Eines seiner Kinder, da ist sich der Quandt-Nachfahre ganz sicher, wird Unternehmer werden. Sein 23-jähriger Sohn hat bereits eine eigene Internetfirma gegründet, mit weniger als 1000 Euro Startkapital. "Nicht schlecht", findet der stolze Vater, "zum Lernen ist das super."

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