Dienstag, 20. Februar 2018

Arbeitsrecht Klagen, kontern, keilen

Wenn der Job in Gefahr ist, wird heute verbissener, unbarmherziger und mit höherem Einsatz gestritten denn je. Wer sich nicht rechtzeitig absichert, kann alles verlieren. Ein Report aus der juristischen Nahkampfzone.

Frankfurt, Goetheplatz 1. Im Erdgeschoss des schmucklosen Bürobaus lehnen Handwerker am Aufzug, zwischen lauter leeren Briefkästen hat jemand ein einzelnes Namensschild notdürftig mit einem Streifen Tesafilm angepappt: "Eckhard Sachse, Rechtsanwalt und Notar".

Dick im Geschäft:  Die glänzende Auftragslage der Juristen spiegelt den neuen, ruppigen Ton zwischen Führungskräften und Unternehmen wider
Siegmar Münk
Dick im Geschäft:
Die glänzende Auftragslage der Juristen spiegelt den neuen, ruppigen Ton zwischen Führungskräften und Unternehmen wider
Was auf den ersten Blick wirkt wie das Entree einer Allerweltskanzlei, ist in Wahrheit der Sitz eines der gefragtesten Arbeitsrechtler der Republik. Sachse (60) - klein, gedrungen, bebrillt, der graue Anzug umschließt ihn wie eine zweite Haut - legt augenscheinlich wenig Wert auf Äußerlichkeiten und ist doch dick im Geschäft.

Sachses Netzwerk umfasst einige der mächtigsten deutschen Topmanager. Er verhandelt ihre Verträge, verschafft ihnen im Konfliktfall traumhafte Abfindungen. Werner G. Seifert, Ex-Vorsteher der Deutschen Börse Börsen-Chart zeigen, war sein jüngster großer Fall; dem verhalf er nach dem unfreiwilligen Abgang zu rund zehn Millionen Euro.

Die beiden sind gut Freund: Kürzlich verbrachte der Anwalt gar einige Tage in Seiferts Domizil an der irischen Küste. Wenn nötig, verhandelt Bentley-Fahrer Sachse auch schon mal eine Nacht durch, bis eine Einigung erzielt ist.

Seinen 60. Geburtstag feierte er standesgemäß mit illustren Gästen aus dem Kreis seiner Mandanten im vornehmen "Schlosshotel Kronberg". Mit dabei war der scheidende Deutsche-Bank-Oberaufseher Rolf-E. Breuer; die Laudatio hielt WestLB-Primus Thomas R. Fischer.

Die Geschäfte gehen offenbar gut bei Sachse, aber auch bei anderen Vertretern der Zunft. Die glänzende Auftragslage der Juristen spiegelt den neuen, ruppigen Umgangston zwischen Managern und Unternehmen wider. Loyalität, Vertrauen, Handschlagskultur - Schnee von gestern. Vorbei die Zeiten, als die geräuschlose Trennung von Führungskräften zum guten Ton gehörte.

Traumhafte Abfindung: Werner G. Seifert erstritt nach seinem Abgang von der Deutschen Börse rund zehn Millionen Euro
Ob Kündigungsklagen, Feilschen um Abfindungen oder Haftungsansprüche - in den vergangenen Jahren sind rechtliche Auseinandersetzungen zwischen Firmen und ihren Führungskräften verbissener und unbarmherziger geworden.

Da ist beispielsweise Horst Alexander Spitzkopf, Ex-Vorstandschef der Allgemeinen Hypothekenbank Rheinboden (AHBR) und wegen verlustreicher Zinsspekulationen in Ungnade gefallen. Bei seinem Abgang im September 2002 wurden Spitzkopf nicht nur die Pensionszusagen fristlos gekündigt. Er wurde auch massiv unter Druck gesetzt, einen Aufhebungsvertrag zu unterschreiben. Sonst, so hieß es, müsse man die Sache "leider" an die große Glocke hängen, und das wolle doch keiner.

Zwei Jahre später klagte die AHBR trotzdem. In ihren Briefkästen fanden Spitzkopf und seine vier ebenfalls geschassten Vorstandskollegen die mehrere hundert Seiten dicke Klageschrift - sowie die Aufforderung, binnen zwei Wochen 250 Millionen Euro Schadensersatz zu zahlen. Ende Januar wies das Landgericht Frankfurt die AHBR-Klage ab.

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