Samstag, 17. November 2018

Finanzinvestoren Unter Heuschrecken

4. Teil: Die Oberheuschrecke

Die Oberheuschrecke

Der Mann im Restaurant des "Sheraton"-Hotels am Frankfurter Flughafen wirkt jung, fast jungenhaft. Modische Brille, keine Krawatte, Pullover über dem Hemd - Andrew Dechet (37) gleicht eher einem leicht zerstreuten Dozenten für zeitgenössische Poesie als einem knallharten Firmenhändler.

 5,8 Milliarden Dollar sammelten Andrew Dechet und seine Partner von der Texas Pacific Group ein, um damit unterbewertete Firmen in aller Welt zu kaufen
Lloyd Sturdy/VisMedia
5,8 Milliarden Dollar sammelten Andrew Dechet und seine Partner von der Texas Pacific Group ein, um damit unterbewertete Firmen in aller Welt zu kaufen
Dechet hat sogar mal englische Literatur studiert. Heute indes ist er Partner just der Investmentfirma, die Arbeitsminister Müntefering zum berühmten "Heuschrecken"-Zitat inspiriert haben soll: der Texas Pacific Group (TPG).

Die US-Gesellschaft mit Büros in San Francisco, Washington, New York und Fort Worth sowie einer Europa-Dependance in London hat sich alle Mühe gegeben, sich ihren schlechten Ruf zu verdienen. Beim norddeutschen Mobilfunker Mobilcom Börsen-Chart zeigen sorgte TPG mit der Forderung nach einer Auskehr der stillen Reserven für die Demission des beliebten Firmenchefs Thorsten Grenz. Beim Sanitärhersteller Grohe (in Münteferings Wahlkreis Hemer im idyllischen Sauerland beheimatet) kappte der Finanzinvestor gleich 1200 der insgesamt gut 4300 deutschen Arbeitsplätze.

Mit ihren Brachialmethoden legten die Firmenhändler Mitte vergangenen Jahres selbst den Londoner Großflughafen Heathrow lahm. Um bei der Cateringgesellschaft Gate Gourmet Lohnkosten zu sparen, wollte TPG Stammpersonal durch Zeitarbeiter aus Polen und Somalia ersetzen. Als die verzweifelten Mitarbeiter auf die anrückenden Billiglöhner mit wilden Streiks reagierten, ließ der Investor Massenentlassungen per Megafon verkünden. Daraufhin traten auch Angestellte von British Airways Börsen-Chart zeigen in den Ausstand.

"Ein ziemlicher Sturm, aber keiner hat sich für die Fakten interessiert", klagt Dechet. Als Oberheuschrecke sieht er TPG nicht. "Heuschrecken vernichten Werte, wir sind dagegen am Erfolg unserer Unternehmen interessiert und haben in Europa vier Milliarden Euro Eigenkapital investiert."

Sein Fonds sei letztlich bloß ein Katalysator, der den ohnehin nötigen Strukturwandel vorantreibe. "Bei Grohe etwa verlagern wir nur Teile der Produktion dorthin, wo auch die Nachfrage ist: ins Ausland. Marketing und Forschung bleiben hier und werden sogar ausgebaut." Dass die meisten Jobs in der Fertigung steckten, sei eben nicht zu ändern.

Die größten Private-Equity-Fonds
weltweit Volumen*
Blackstone 12,5
KKR 11,0
Apollo 10,5
Carlyle 10,0
Goldman Sachs 8,5
Warburg Pincus 8,0
Thomas H. Lee 7,5
Europa
BC Partners 7,3
CVC 6,4
Permira 6,3
* Volumen der aktuellen Fonds, in Milliarden Dollar. Quelle: Adveq:
Auch die immensen Schulden des Badausstatters hält Dechet nicht für ein Problem. Private-Equity-Gesellschaften finanzieren ihre Akquisitionen auf Pump. Zinsen und Tilgung muss das gekaufte Unternehmen schultern.

Der ehemals solide Mittelständler Grohe, der von einem Finanzinvestor zum nächsten weitergereicht und auf diese Weise zweimal mit Fremdkapital voll gepumpt wurde, ist heute mit über einer Milliarde Euro verschuldet. So wird für die neuen Eigner ein überharter Sanierungskurs geradezu Pflicht - eine durchaus gängige Variante dieser nackten Form des Kapitalismus.

Für die ohnmächtige Wut der Belegschaften haben Finanzmanager wie Dechet oder sein berühmt-berüchtigter Chef David Bonderman (63), der sich zum Geburtstag schon mal die Rolling Stones für ein Privatkonzert einfliegen ließ, kein Verständnis. Im Gegenteil, sie waren überrascht von den heftigen Anfeindungen. Im angelsächsischen Wirtschaftsleben werden Entlassungen eher als Preis dafür akzeptiert, dass die Finanzhäuser ihren Geldgebern überdurchschnittliche Gewinne abliefern.

Denn die ambitionierten Erwartungen ihrer eigenen Investoren müssen sowohl Private-Equity-Gesellschaften als auch Hedgefonds befriedigen - ein bisweilen mühsames Geschäft.

© manager magazin 3/2006
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