Samstag, 17. November 2018

Goldman Sachs Der Geist des Hauses

6. Teil: Nur wenige schaffen den Sprung

Whiteheads Prinzipien muss jeder neue Mitarbeiter verinnerlichen. Vielleicht ist dies der größte Wert, den Goldman Sachs in seiner langen Geschichte geschaffen hat: dass ein Haufen ehrgeiziger und smarter Individualisten durch feste Werte auf Kundenorientierung und Teamwork getrimmt wird.

Comeback-Kid: Philip Holzers Karriere kam im Abschwung der Börsen ins Stocken. Doch er gab nicht auf. Die Firma honorierte sein Stehvermögen. Heute ist er Partner.
Bert Bostelmann
Comeback-Kid: Philip Holzers Karriere kam im Abschwung der Börsen ins Stocken. Doch er gab nicht auf. Die Firma honorierte sein Stehvermögen. Heute ist er Partner.
Der typische Goldman-Banker wirkt freundlich und gut erzogen. Wie weit er in der Firma gekommen ist, sieht man ihm nicht an. Sogar in Spitzenpositionen pflegen sie die Teamarbeit: Scott Kapnick teilt sich den Job des Europa-Chefs mit dem Briten Michael Sherwood.

Ein gutes Verhältnis zu den Kollegen ist extrem wichtig, wenn man in der Firma vorankommen will. Die Meinung des Umfeldes fließt in einen jährlichen Beurteilungsprozess ein, dem sich von der Sekretärin bis zum Vorstand jeder unterwerfen muss: Im 360-Grad-Feedback kommentieren 10 bis 15 Teammitglieder, Untergebene und Vorgesetzte Leistungen und Know-how, schlagen Entwicklungsschritte vor und kritisieren Fehler. "Die Leute sind total offen", sagt Asset-Managerin Kimpel. Am Ende teilt die Firma die Mitarbeiter in vier Gruppen ein; die schlechtesten 5 Prozent jedes Jahrgangs müssen gehen.

Alle anderen sind aufgefordert, sich weiterzuentwickeln. Denn die Beschwörung der Teamarbeit führt keineswegs dazu, dass alle ständig nett miteinander umgehen. Wer es warm und kuschelig mag, ist bei Goldman Sachs an der falschen Adresse. Altgediente wie die Frankfurter Partnerin Dorothee Blessing lassen keinen Zweifel daran, dass Goldman eine kommerzielle Veranstaltung ist: "Menschen, die nicht zum geschäftlichen Erfolg beitragen, haben hier einen schweren Stand."

Philip Holzer (39) arbeitet im Aktien- und Derivategeschäft von Goldman Sachs. Seit 1992 ist er an Bord, vergangenen Dezember wurde er zum Partner ernannt. Das klingt nach einer pfeilgeraden Karriere, war es aber nicht.

Als nach dem Platzen der Börsenblase die Bank im Jahr 2001 neu sortiert wurde, erlebte er eine bittere Zeit. Sein Geschäftsbereich litt unter dem schwierigen Marktumfeld - für Holzer der Beginn einer harten Bewährungsprobe. Heute ist er sich sicher, dass sein Stehvermögen die Ernennung zum Partner befördert hat: "Die Firma hat mich genau beobachtet, es war wie ein Test."

Alle zwei Jahre wählt Goldman Sachs neue Partner. Die Kandidaten wissen nichts von ihrer Nominierung. Wer etwas ahnt, hat Grund zum Zittern: Nur wenige schaffen den Sprung im ersten Anlauf.

© manager magazin 11/2005
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