Sonntag, 16. Dezember 2018

Goldman Sachs Der Geist des Hauses

2. Teil: Der Arbeitstag hat 24 Stunden

Rund 21.000 Menschen arbeiten bei Goldman Sachs. Ihre Intelligenz, ihre Detailversessenheit und ihr ausgeprägter Einsatz, um Projekte in die Tat umzusetzen, tragen den Investmentbankern Bewunderung ein - und ziehen hungrige und talentierte Hochschulabsolventen magisch an.

Feuerwerker: Christoph Stanger und sein Team platzierten innerhalb eines Tages MAN-Aktien im Wert von einer Milliarde Euro am Kapitalmarkt
Bert Borstelmann
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Doch was heißt es wirklich, zu Goldman Sachs zu gehören? Welche Chancen bietet die Bank jungen Talenten? Was muss einer mitbringen, der bei der ersten Adresse in der internationalen Hochfinanz groß herauskommen will?

Eine heiße Septembersonne taucht die Südspitze Manhattans in blasses Licht. Kurierfahrer hasten durch die schwülwarmen Straßenschluchten des Finanzdistrikts rund um die New Yorker Börse.

Im 22. Stock des Gebäudes 85 Broad Street, dem Hauptquartier von Goldman Sachs, summt leise eine Klimaanlage, während Anna-Lena Wetzel (29) von ihrem Arbeitsalltag erzählt.

Der begann heute früher als sonst: Schon um fünf Uhr am Morgen saß Wetzel an ihrem Küchentisch in SoHo und besprach mit zwei Kollegen in London via Konferenzschaltung die Details einer Anleihentransaktion, die der Konzern gerade für eine US-Firma abwickelt.

Seit sechs Jahren arbeitet Wetzel bei Goldman Sachs im Bereich Fusionen & Übernahmen/Unternehmensfinanzierung, zunächst als Analystin, dann als Associate. Heute leitet sie als "Vice President" ein kleines Team. Auf die fünf Jahre in Frankfurt folgte ein zwölfmonatiges Rotationsprogramm in New York. Demnächst geht es nach London.

Die Bankerin betreut in der Regel vier, fünf Transaktionen parallel, die Hälfte ihrer Zeit verbringt sie am Telefon. Zu ihrem Hobby, dem Cellospielen, kommt sie kaum noch, den geplanten Urlaub hat sie gerade verschoben.

Nervt das, stresst es? Natürlich ist der Job anstrengend, sagt Wetzel, sicher braucht hier jeder eine große Portion Pflichtbewusstsein: "Aber ich wäre nicht hier, wenn es mir keinen Spaß machen würde. Ich will es so."

So oder so ähnlich reden sie alle bei Goldman Sachs. Und irgendwas muss dran sein. Die Firma fordert extremen Einsatz. Ein Pensum, das keiner leistet, der es nicht wirklich will.

Investmentbanker kommen häufig auf 80 Stunden und mehr; sie werkeln oft monatelang an Deals, von denen die Mehrzahl nie realisiert wird, weil Hindernisse auftauchen. Und für die 320 Partner des Geldhauses gilt, dass der Arbeitstag 24 Stunden hat.

© manager magazin 11/2005
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