Samstag, 17. November 2018

Türkei Die Fabrik Europas

Die Unternehmen des EU-Kandidaten greifen in Europa an. Vorreiter ist die größte Firmengruppe der Türkei, die Koç Holding, die sich mehrheitlich im Besitz der Gründerfamilie Koç befindet. Mit Marken wie Beko und Grundig setzen sich die Türken auch in Deutschland durch.

Tief hängen die Wolken über Istanbul. Nebelfelder ziehen über den Bosporus, und nur schemenhaft lässt sich von der asiatischen Seite aus der europäische Teil der Metropole erkennen. Doch Bülend Özaydinli (56), der im Haremsgebäude eines restaurierten Pascha-Palastes residiert, ist an diesem trüben 29. April blendender Laune. Heute wird der CEO der Koç Holding seinen Aktionären die Ergebnisse des Geschäftsjahres 2004 präsentieren. Und die zeigen nach oben, steil nach oben.

Standort Türkei: Seit der Aufnahme des Landes in die europäische Zollunion 1996 haben türkische Unternehmen Milliarden in modernste Fertigungsstätten investiert
[M] DDP; DPA; manager-magazin.de
Standort Türkei: Seit der Aufnahme des Landes in die europäische Zollunion 1996 haben türkische Unternehmen Milliarden in modernste Fertigungsstätten investiert
Der Umsatz hat um 37 Prozent zugelegt, der Nettogewinn um 27 Prozent. "Wir haben unsere finanziellen Ziele vier Jahre früher erreicht als geplant", resümiert einer der einflussreichsten Manager des Landes.

Die größte Unternehmensgruppe der Türkei, die sich mehrheitlich im Besitz der Gründerfamilie Koç (sprich: Kodsch) befindet, ist ein Imperium, das so gar nicht mehr in das Zeitalter der Globalisierung zu passen scheint. Unter dem Dach der Holding agieren über 100 Einzelfirmen. Koç produziert Autos und Ketchup, Fernseher und Waschmaschinen. Koç betreibt Tankstellen und Supermärkte, Patisserien und Reisebüros.

Und Koç erobert Europa.

In den vergangenen drei Jahren legte der Auslandsumsatz der Holding um 85 Prozent auf sechs Milliarden Euro zu. Jeder vierte in Deutschland verkaufte Fernseher wird von der Tochtergesellschaft Beko Elektronik in Istanbul hergestellt.

Binnen weniger Jahre avancierte das Unternehmen zum zweitgrößten Produzenten von TV-Geräten in Europa. Die Türken schaffen das vor allem, indem sie alte Traditionsmarken reanimieren - zum Beispiel Grundig.

Nicht minder aggressiv sucht der Koç-Ableger Arçelik auf dem Alten Kontinent Fuß zu fassen. Der Hersteller von Waschmaschinen, Kühlschränken und Geschirrspülern belegt unter den europäischen Produzenten von weißer Ware bereits Rang fünf.

© manager magazin 6/2005
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