Mittwoch, 14. November 2018

Umweltschutz Chemische Reinigung

Zum dritten Mal hat das Hamburger Umweltinstitut die Ökoperformance der größten Chemiekonzerne weltweit untersucht. Die Spitzenreiter erzielen mit umweltverträglichen Produkten längst gute Ergebnisse. Das Gros der Unternehmen kann von ihnen nur lernen.

Der Fortschritt kommt im Doppelpack, heißt Persil-Tab und endet ganz prosaisch in der Einspülkammer einer x-beliebigen Waschmaschine. Die weiß-blaue Brausepille für Sauberfrau und -mann stammt aus Düsseldorf und ist der ganze Stolz der Produktentwickler und Umweltmanager des Henkel-Konzerns.

"Unsere Ökobilanzen zeigen, dass Waschmittel die Umwelt am stärksten beim Waschgang belasten; also eigentlich, wenn sie unsere Fabriken längst verlassen haben", erklärt Henkel-Manager Fritz Ötting. Dort werde nach der Optimierung aller firmeninternen Prozesse am meisten Energie verbraucht und das Abwasser am stärksten belastet. Weil Henkel sich aber für die gesamte Lebensdauer seiner Produkte verantwortlich fühlt, sieht der Konzern hier den wirksamsten Hebel für einen besseren Umweltschutz.

Die fest gepressten Tabs - je zwei pro Waschgang - sollen Schluss machen mit der ökologisch unkorrekten Überdosierung. Denn von losem Pulver oder Perlen nehmen übergründliche Hausfrauen gern etwas mehr.

"Dabei könnte uns der Mehrverbrauch aus rein wirtschaftlicher Sicht nur recht sein", lacht Rainer Wagner, bei Henkel zuständig für Schulungen im Umweltschutz. Solch eindimensionales Denken ist bei den Düsseldorfern jedoch passé, seit Henkel-Chef Hans-Dietrich Winkhaus 1993 Öko-Leadership zum strategischen Ziel seines Konzerns erklärt hat "Ein bewegliches Ziel". Im Jahre sechs nach dieser Deklaration haben es die Henkel-Männer geschafft: Mit weitem Vorsprung wurden sie Sieger im diesjährigen Ökoranking des Hamburger Umweltinstituts e. V. (HUI).

Nach einer umfassenden Analyse haben die Hamburger zum dritten Mal die Umweltperformance der 50 führenden Chemieunternehmen weltweit benotet. Kleine Besonderheit diesmal: Beiersdorf und Boehringer Ingelheim Pharma nahmen von sich aus am Test teil und zeigten mit dem fünften und dem siebten Platz, dass sie vielleicht nicht dem Umsatz nach zu den Größten gehören, wohl aber im Umweltschutz.

Unter die Lupe nahmen die Juroren nach einem mittlerweile etablierten Verfahren Produkte und Prozesse der Konzerne ebenso wie deren Strategie und Managementsysteme Punktspiele.

Und kommen dabei durchaus zu ermutigenden Ergebnissen. Alle, auch die unsensibelsten Chemieunternehmen, haben inzwischen Umweltmanagement-Systeme, wenn auch nicht immer perfekte. Dreh- und Angelpunkt besonders ausgefeilter Systeme sind zunehmend die Bewertung des gesamten Lebenszyklus von Produkten und die Verantwortung dafür - Stichwort: Product Stewardship.

Zumindest proaktive und aktive Firmen Reines Gewissen haben zudem den vermeintlichen Widerspruch zwischen Ökonomie und Ökologie längst aufgelöst; ein Wettbewerbsvorteil, den auch Anleger zunehmend zu schätzen wissen Moderne Formel.

Als das HUI vor knapp zehn Jahren damit begann, erstmals Daten über umweltverträgliche Produkte und Prozesse zu sammeln, hatten nur fünf Konzerne einigermaßen durchgängige Managementstrukturen zur Berücksichtigung ökologischer Aspekte. Die meisten verschlossen sich dem Trend und wiesen den "Ökofreaks" am liebsten die Tür.

Geradezu euphorisch klingt im Vergleich dazu das Urteil, das die HUI-Gutachter über den diesjährigen Sieger fällen: "Es besteht kein Zweifel, dass die Firma Henkel inzwischen das weltweit führende Unternehmen in Bezug auf umweltverträgliche Produktion und Umweltmanagement geworden ist." Allein in sechs der zehn untersuchten Kategorien verwiesen die Düsseldorfer vor allem die Konkurrenz aus Amerika auf die Plätze. Mit dem Ergebnis von 398 Punkten, gut 100 mehr als Sieger Johnson & Johnson vor drei Jahren, hat Henkel sich dem Ziel des nachhaltigen Wirtschaftens deutlich genähert.

Die Düsseldorfer sind zum Beispiel weltweit der größte Verarbeiter von Ölen und Fetten aus nachwachsenden Rohstoffen, die zu allerlei Chemieprodukten weiterverwandt werden. Manchmal reicht ihnen auch schon anderer Leute Abfall, um Neues zu kreieren. So entdeckten Henkel-Vertreter in Norwegen gleichsam im Dreck eine Goldmine. Die Schalen von Shrimps enthalten nämlich Chitosan, einen wertvollen Grundstoff für Kosmetika, der Haut und Haare geschmeidig hält. Bisher wurden die Hüllen der Meereskrabbler allerdings meist zu Tierfutter vermahlen.

Damit wussten die Düsseldorfer Besseres anzufangen. Unmittelbar neben den Betrieben von zwei großen Krabbenpulern in Tromsø zogen sie in Rekordzeit eine neue Fabrik hoch, in der nun der teure Stoff für Kosmetika gewonnen und aufbereitet wird. Auch ein Beispiel dafür, dass Recycling nicht zwangsläufig - wie von Umweltschützern oft beklagt - ein Downcycling zu immer minderwertigeren Erzeugnissen sein muss.

Um seine Produkte und Prozesse sowohl unter ökologischen Gesichtspunkten als auch unter den damit eng verbundenen Sicherheits- und Gesundheitsaspekten effizient steuern zu können, hat Henkel 1997 sogenannte SHE-Standards formuliert. Diese 15 Guidelines und die daraus resultierenden Richtlinien und Verfahrensanweisungen sind die verbindliche Messlatte, nach der sich alle Konzernmitarbeiter spätestens ab dem Jahr 2001 überall auf der Welt zu richten haben. Sichergestellt wird dies durch regelmäßige interne Audits, aber auch durch die externe Zertifizierung etwa nach dem international gültigen Umweltmanagement-Standard ISO 14001 oder EMAS, der Öko-Audit-Verordnung der EU.

Der Trend zur Zusammenfassung von Safety, Health und Environment (SHE), zunehmend auch der Qualitätssicherung, ist bei vielen Unternehmen des Rankings zu beobachten. Umweltschutz ist keine getrennte Funktion mehr, sondern selbstverständlicher Teil des Tagesgeschäfts.

Besonders gut gelungen ist dies nach Einschätzung der HUI-Juroren beim US-Pharmakonzern Bristol-Myers Squibb (BMS). Nicht zuletzt dank des Engagements von Vice President Thomas Hellman gilt BMS als der Aufsteiger der 90er Jahre.

Grundlage des Erfolgs sind die Life Cycles (LCs) aller Produktlinien, die seit 1997 vorliegen. Bei der Überprüfung jeder einzelnen Lebensphase ihrer Produkte, von der Zusammensetzung der Inhaltsstoffe bis zum Umgang mit dem Restmüll, fanden gemischte BMS-Teams in fünfjähriger Arbeit zahlreiche Möglichkeiten zur Verbesserung der Umweltverträglichkeit. Und das auch noch für weniger Geld. BMS kann mehr als 6,5 Millionen Dollar durch Produkt- und Prozessinnovationen sparen.

"Der Life-Cycle-Ansatz war der richtige Hebel für uns", weiß Manager Hellman heute. Weil er bereichsübergreifend und multifunktional sei, betreffe er jeden BMS-Mitarbeiter und könne in jede Geschäftsentscheidung integriert werden.

Das genau ist auch die Aufgabe für die Zukunft. Nach Überprüfung der bestehenden Produkte soll nun auch jede Neuentwicklung von der Wiege bis zur Bahre auf möglichst schonenden Ressourceneinsatz abgeklopft werden.

Wenn Hellman und seine Crew so weitermachen wie bisher, hat BMS das Zeug, ganz an die Spitze zu kommen. Besonders lobten die Experten vom HUI das Ökocontrolling des Konzerns, mit dem umgehend überprüft wird, ob eingeleitete Maßnahmen auch greifen.

Allerdings. Die Integration der Ökofunktion in das operative Geschäft hat einen Schönheitsfehler: Mit sensationellen Werten etwa bei der Verringerung von Abgas oder Abwasser können viele Unternehmen nicht mehr dienen. "Die Zeit des großen Wurfs beim Umweltschutz ist vorbei", glaubt Hanno Henkel, Umweltmanager bei Bayer. Jetzt gehe es mehr um viele kleine Einzelschritte zur Ökooptimierung.

Bei Bayer etwa seien die zentralen Umweltinvestitionen zurückgegangen und verbärgen sich statt dessen hinter der Position "Aufwendungen für neue Verfahren und Erzeugnisse". Auch Beiersdorf-Vertreter Peter Presche hat Probleme, Neuerungen seines Unternehmens wie das sogenannte Hot-Melting zur Klebeband-Beschichtung eindeutig als Umweltinitiative zu identifizieren: "Natürlich spielte der Verzicht auf schädliche Lösungsmittel bei der Entscheidung eine Rolle. Aber es ging vor allem um Produktvorteile."

Noch vor wenigen Jahren ließen sich Chemie- und Pharmakonzerne nur äußerst ungern hinter die Kulissen schauen. Heute gelten ISO- und EMAS-Zertifikate, verliehen von unabhängigen Experten, als Wettbewerbsvorteil.

Selbst der Kontakt mit Umweltgruppen ist keine verkrampfte Pflichtübung mehr, sondern wird von vielen Umweltmanagern als willkommene Chance verstanden, das eigene Unternehmen mal aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Ökorankings bieten Gelegenheit zum Leistungsvergleich mit anderen Firmen.

Das war auch der Grund für Elizabeth Girardi Schoen, Direktorin für Umwelt, Gesundheit und Sicherheit bei Pfizer, zum ersten Mal aktiv an der HUI-Studie teilzunehmen: "Wir wollten wissen, wie wir im Vergleich abschneiden." Mit Rang 17 landete der Pharmahersteller, den die Potenzpille Viagra schlagartig populär machte, im vorderen Feld - für den ersten Versuch ein Achtungserfolg.

Nach den Erfahrungen des HUI nutzen viele Unternehmen die Methodik der Top-50-Studie inzwischen, um Schwachstellen ihrer Organisation aufzuspüren. Henkel-Manager Rainer Wagner etwa machte 1996 bei seinem Vorstand umgehend Geld für externe Umweltaktivitäten locker: mit dem Ranking als Argumentationshilfe in der Hand. Damals hatte das HUI die matte Performance der Düsseldorfer in diesem Bereich mal gerade mit "ausreichend" bewertet. Diesmal gab es für Henkels Engagement im Ökosponsoring die Note "gut".

Der Schmusekurs, auf den das Gros der Branche mittlerweile einschwenkt, ist HUI-Chef Michael Braungart manchmal schon peinlich. Die Drohungen der britischen BOC Group, man werde sich weitere Schritte vorbehalten, wenn das Unternehmen im Ranking auftauche, kommen ihm da gerade recht.

Denn trotz aller Fortschritte und Einsichten möchte Braungart den Chemiefirmen weiterhin einheizen. Dazu gibt es immer noch zu viele Schwachstellen und - weitaus bedenklicher - auch Rückfälle. Ganz alt sieht zum Beispiel Ex-Champion Procter & Gamble aus. "Die ehemals vorbildlichen Ansätze zum Life Cycle Assessment sind völlig verkümmert", rügt Braungart. Schlimmer noch: Gefährliche Ingredienzen wie Formaldehyd, das im Verdacht steht, Krebs auszulösen, kehrten in einige Produkte zurück. Das reichte nur noch für Rang zehn.

Noch tiefer war der Fall des US-Pharmaproduzenten Baxter: von Platz sechs 1996 auf Rang 20 in diesem Jahr. Zwar bescheinigte das HUI den Amerikanern sehr gute Leistungen bei der Realisierung weltweiter Standards. Doch weil sich sonst kaum etwas im Unternehmen bewegt hat, reichte das nicht aus, um den Sturz vom Olymp der Top Ten in die Mittelmäßigkeit zu verhindern.

Mit gemischten Gefühlen beobachten Braungart und sein Team auch die Entwicklung nach den zahlreichen Elefantenhochzeiten in der Chemie. Im besten Fall nutzen die Neuvermählten die Verschmelzung zu einem so furiosen Neuanfang wie BP Amoco Gemeinsam stark.

Aber in den Wirren der Fusion können die positiven Ansätze des einen Partners auch untergehen, wie bei Novartis geschehen. Dort hat sich, so das harsche Urteil des HUI, "die Katastrophenkultur von Sandoz gegenüber der Umwelt-Perestroika von Ciba-Geigy durchgesetzt."

Erhalten geblieben und weiterentwickelt worden sind die guten Ansätze der ehemaligen Mutter dagegen bei der Ciba Spezialitätenchemie.

Dort wurden Umweltaspekte zielstrebig in die Produktentwicklung integriert. Um weiter voranzukommen, müsste sich das Unternehmen allerdings von einigen Problemprodukten verabschieden, etwa von bestimmten Textilchemikalien und Druckfarben.

Mit dieser Einschränkung der Performance reichte es für Platz 11. Die in der Novartis aufgegangene Mutter muss sich dagegen mit Rang 21 zufrieden geben; ein schwaches Bild für einen sogenannten Life-Sciences-Konzern. Nicht immer, so lautet ein weiterer Kritikpunkt des HUI, halten sich die Chemietöchter im Ausland konsequent an die strengen Standards der Mutter; gerade in Schwellenländern. Diese Nachlässigkeit, zum Beispiel in China, trug maßgeblich dazu bei, dass Johnson & Johnson seine Spitzenposition verlor.

Die Amerikaner geloben Besserung. "Wir unternehmen derzeit gerade in China erhebliche Anstrengungen", sagt Karl Schmidt, Vice-President Environmental Affairs bei Johnson & Johnson und führt als sichtbaren Beleg die komplett ins Chinesische übersetzten Umweltrichtlinien seines Unternehmens vor. Ob das reicht, müssen die nächsten Jahre zeigen.

Denn zufrieden geben sich die Umweltschützer noch lange nicht. Nach der Einführung von Managementsystemen und der Verbesserung der Prozesse müssten nun die Produkte wirklich umweltfreundlich werden, fordert HUI-Chef Braungart. Allzu häufig optimierten Konzerne wie zum Beispiel Dow Chemical zwar das Vorhandene, seien aber letztendlich doch nicht bereit, problematische Produkte, etwa aus der Chlorchemie, endgültig auszumustern. Braungart fordert deshalb, die Unternehmen sollten künftig nicht ökoeffizient, sondern ökoeffektiv werden.

Das Konzept der Ökoeffizienz des World Business Council for Sustainable Development zielt darauf ab, den Energie- und Ressourcenverbrauch pro erbrachter Wertschöpfungseinheit ständig zu verringern. Nach Braungarts Ansicht ist dieser Ansatz limitiert. Die von ihm mitvertretene Idee der Ökoeffektivität fordert dagegen getrennte und in sich geschlossene Kreisläufe für vollständig und gefahrlos abbaubare Bioprodukte einerseits sowie sogenannte technische Erzeugnisse andererseits, deren Rückstände möglichst komplett wiederverwandt werden können.

Das Ziel, umweltfreundlich zu wirtschaften, so das Fazit des dritten HUI-Rankings, ist näher gerückt. Der sogenannte ökologische Fußabdruck vieler Chemiefirmen ist schwächer geworden. Unsichtbar ist er noch lange nicht. "Jeder Schwachpunkt", sagt deshalb Wolfgang Gawrisch, Forschungschef und damit Ökoprimus bei Henkel, "ist für uns Anreiz, noch besser zu werden."

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