Freitag, 16. November 2018

Karlheinz Kögel Der Last-Minute-Mann

2. Teil: "Eines der letzten Freilandgewächse"

"Ich bin eines dieser letzten Freilandgewächse", erklärt sich Kögel. Ein Entrepreneur, der nach Schreinerlehre, abgebrochenem Studium und ein paar Jahren als Radiomoderator auf eigenen Wegen ins Geschäftsleben fand.

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Der Mann hat ein veritables Imperium aufgebaut: zwölf Firmen mit insgesamt - Kogel rechnet eine halbe Minute still im Kopf (oder zögert er, alles auszuplaudern?) - ungefähr 470 Millionen Euro Umsatz. Zwei Unternehmen ragen heraus: Media Control, eine Art privates Statistikamt, das CD-Verkäufe, Popcharts, Werbeeinblendungen und allerlei mehr ermittelt. Und der große Brocken: Last-Minute-Marktführer L'tur mit 339 Millionen Euro Umsatz.

Zumindest diesen Teil des Großreichs hat der Chef jederzeit im Blick. Vom schwarzen Schreibtisch aus schaut er auf drei ausladende Flachbildschirme. Der erste zeigt in bunten Balken, wie das Geschäft in den 145 Verkaufsstellen läuft. Die Filialen - fast durchweg Franchisebetriebe - sind ständig online. Kögel kann jede am Monitor anklicken und ganz tief hineinschauen: Was wurde verkauft? Wann? Wie viel haben wir daran verdient?

Auch über die Kundenströme ist er im Bild. In jedem Laden hängen zwei oder drei Videokameras; ein cleveres Computerprogramm schließt aus den Bildern, wie viele Interessenten den Laden betreten und wie lange sie bleiben. Das System, eigens vom Fraunhofer Institut entwickelt, hält dabei Personal und Kunden sicher auseinander.

Der zweite Bildschirm zeigt an, was sich auf der Homepage und im Callcenter tut. Auf dem dritten Display schließlich verfolgt Kögel spaßeshalber die Börsen und die Wirtschaftsmeldungen.

Ein fein gesteuertes Geschäftssystem blitzt da auf - das Resultat von 17 Jahren Tüftelei. Sowie einer moralischen Entrüstung.

Karlheinz Kögel fand über Zufälle Ende der 70er Jahre in die Reisebranche. Er begann mit einem Spezialveranstalter für Brasilien-Trips, Medico genannt, nach dem Familiennamen seiner damaligen Freundin, der Schlagersängerin Paola del Medico ("Paola"). Bei Probeflügen stieß ihm auf, wie viele Plätze in den Urlaubsjets leer blieben. "Das tat mir in der Seele weh", entsinnt er sich. "Ich dachte mir: Warum verkauft man die nicht billig an Studenten?"

© manager magazin 8/2004
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