Donnerstag, 15. November 2018

Uhr-Manufakturen Unruh-Stifter

Eine kleine Gilde von eigensinnigen Spitzenuhrmachern, vereinigt in einer multinationalen "Akademie", sorgt mit ihren Neuschöpfungen in der Zeitmesserzunft regelmäßig für innovativen Wirbel.

Ein verwahrloster Bahnhof, eine neugotische Klinkerkirchenschaurigkeit, drum herum armseliges Fußgängerzonen-Ambiente: Kaldenkirchen, 6000-Seelen-Nest an der deutsch-holländischen Grenze.

 Asymmetrisch: Die "V-30/45-01-A" für 18.200 Euro ...
Ralf Baumgarten
Asymmetrisch: Die "V-30/45-01-A" für 18.200 Euro ...
Ausgerechnet hier wohnt einer der findigsten Uhrmacher der Republik. Dessen erstes Produkt in der Fachwelt eingeschlagen hat wie eine Bombe. Der nun womöglich den Beginn einer blendenden Karriere feiern kann.

Ein grau ausgelegtes Treppenhaus führt vom Hinterhof zur Atelierwohnung von Volker Vyskocil, Diplomingenieur, Werkzeugmacher und bis vor kurzem Geschäftsführer eines kleinen Maschinenbauunternehmens.

Zwischen Schlafplatz und Wohnzimmer betreibt der stoppelbärtige 39-Jährige seine Werkstatt: Arbeitstische, Drehbänke, ein Hochleistungsrechner, Regale mit Ordnern, Folianten und braunen Apothekerflaschen. Das Alchimistenlabor eines Horologen, der hier den Lauf der Zeit in goldene Schmuckstücke der besonderen Art verwandelt.

... vom deutschen Werkzeugmacher Volker Vyskocil
Ralf Baumgarten
... vom deutschen Werkzeugmacher Volker Vyskocil
Einen Prototyp, die Uhr mit der Bezeichnung "V-30/45-01-A", präsentiert der stämmige Handwerker auf einem Ledertuch. Schwarzes Zifferblatt, Sekundenanzeige bei neun Uhr, Gangreserve bei fünf Uhr, die Aufzugskrone bei vier Uhr, alles ungewohnt. Das Glas der Rückseite gibt die Sicht frei auf Federn und Räderwerke, auf eine Weltneuheit aus dem metallenen Reich des Gottes Chronos.

Das Wunderwerk hat Vyskocil bereits höchste Weihen eingetragen. Ein Uhrenfreak aus San Francisco hat das 18.200 Euro teure Stück im Internet gesehen und sofort bestellt.

Und jetzt durfte es der Mechanikus vom Niederrhein gar im Mekka der internationalen Uhrenbranche, auf der Messe von Basel, präsentieren. Und zwar zwischen lauter Ständen der berühmten Markenmanufakturen - sozusagen in der Kaaba.

Der Stand der Académie Horlogère des Créateurs Independants (AHCI) - zu deutsch: Akademie selbstständiger, schöpferisch tätiger Uhrmacher - ist in Basel nicht zu übersehen. Gekleidet in eine feine Wurzelholzfassade, die Vitrinen wie Reliquienschreine hell erleuchtet, sieht er aus wie der Tempel des Zeitgottes selbst.

© manager magazin 6/2004
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