Freitag, 17. August 2018

US-Justiz Moral und Millionen

Von Klienten gerühmt, von Unternehmen gefürchtet: Die US-Anwälte Ed Fagan und Mel Weiss

Edward Fagan (46) ist einer jener zähen Burschen, wie man sie aus Anwaltsfilmen kennt: Er ist ein Freund schlanken Satzbaus und schneller Antworten und jederzeit bereit, ein Hörnchen mit bloßen Händen zu zerquetschen.

Hinter dem jüdischen Anwalt aus New York liegen ein paar nette Tage und vor ihm vermutlich auch. An diesem Maitag haben die Aktionäre der von ihm verklagten Bank Austria/Creditanstalt einem Vergleich zugestimmt: Mit 40 Millionen Dollar will die Bankengruppe Holocaust-Opfer entschädigen.

Der Mann ist spürbar mit sich im Reinen. Ja, Ed Fagan rettet die Welt. Und die Welt rettet ihn. Denn an jedem Vergleich verdient er kräftig mit.

Immer auf der Suche nach klagewilligen Nazi-Opfern, irrlichtert der Advokat durch die Weltgeschichte und grast Sammelklagen ab: Moskau, Wien; heute morgen Prag; jetzt am Nachmittag Stippvisite in München.

Mit seinem Kompagnon Carey D'Avino ist der Class-Action-Spezialist auf Zwischenstopp in München, in der Kanzlei seines Verbindungsmanns Michael Witti (41). Witti ist, was man Fagans deutschen Naziopferentschädigungssubunternehmer nennen kann. Und fürwahr, es ist Big Business. Von den etwa 40 Sammelklagen gegen deutsche Unternehmen wegen ihrer Verstrickungen mit dem Naziregime gehen knapp zwei Dutzend auf Fagans Konto, zehn weitere hat er noch in petto. Rund 70 000 Naziopfer werden von ihm vertreten. Die Kundschaft rühmt seinen Kampfgeist.

276 deutsche Firmen, meldet Fagan, hätten während des Dritten Reichs Zwangsarbeiter beschäftigt. Seine Weide ist groß: Am Vergleich mit den Schweizer Banken in Höhe von 1,25 Milliarden Dollar war er beteiligt. Von Deutscher und Dresdner Bank fordert er zusammen 18 Milliarden Dollar Entschädigung.

Es ist wie ein Rausch. Fagan kann nicht aufhören. Er kann die Honorare nicht vergessen. Selbst wenn er es wollte: 5 bis 10 Prozent der Vergleichssumme sind für ihn jeweils drin. Auch Witti und Carey D'Avino können die Honorare nicht vergessen. Keiner kann das. Aber sind sie deshalb geldgierig?

Carey D'Avino ist Fagans breites Alter ego: Er verfügt über die Statur und die sparsame Ausdruckskraft eines Rausschmeißers. In Fagans Strategie verkörpert D'Avino den Part der Unaufhaltbarkeit, des unerbittlich fortschreitenden Naturprozesses.

Und nun ließ der schweigsame D'Avino jäh seine Stimme klingen, und sie sollte klingen wie ein Kontrabaß, der über einen Haufen Eierschalen geschleift wird: Was heißt denn, die Sammklägeranwälte wollten nur abkassieren? Wie hoch sind denn die Anwaltskosten der Gegenseite? "Die gehen in die Millionen. Locker."

"Diese Sammelklagen", befindet Fagan, "sind die größten Fälle der Welt." So interpretiert er seine Rolle als Klägeranwalt mit einigem theatralischen Aufwand: Mal geht er mit einer Holocaust-Überlebenden vor der Deutschen Bank in Stellung; oder er singt, Kippa auf dem Kopf, wie in Zürich am Holocaust-Gedenktag, einen Psalm Davids; mal schnarrt er publikumswirksam: "Im Grunde möchte ich die Degussa bankrott sehen."

"Mafia", "Erpressung", "Gangster" rufen, schimpfen, flüstern Wirtschaftsführer, wenn sie den Namen Fagan nur hören. Aber so wortstark geben sie sich nur, wenn sie inkognito bleiben. Ein hoher Würdenträger der Dresdner Bank knurrt: Das Vorgehen des Rechts-Rambos erinnere an "den Morgenthau-Plan": Der Advocatus Diaboli wolle deutsche Unternehmen zurück in die Agrarwirtschaft klagen.

Gefürchtet zu werden, das gefällt dem Mann. Er sieht sich als Vertreter jener Kraft, die Moral und Millionen in einem Aufwasch schafft.

Seinen Sinn für bizarre Aktionen schärfte Fagan als Absolvent der harten Schule der "ambulance chasers". Ambulanzjäger sind Anwälte, die Polizeifunk hören, sich auf Intensivstationen herumtreiben oder Flugzeugabstürzen hinterherjetten. Mit vielen Visitenkarten und großen Versprechungen im Gepäck. Mit solch ruppigen Gestalten mögen feine Konzernherren nicht an einem Tisch sitzen.

Die Deutschen, sagt Melvyn Weiss (63), Chef der renommierten New Yorker Kanzlei Milberg Weiss Bershad Hynes & Lerach, stünden jetzt unter "Kulturschock". Aber, beruhigt er und blickt auf eine Batterie von Photos, die ihn im Kreise der Familie Clinton zeigt, "die werden sich schnell daran gewöhnen".

Auch Weiss hat diverse Unternehmen verklagt. Doch er kann sich eine Ironie leisten, die auf Zehenspitzen geht. Er ist ein Staranwalt und muß keiner mehr werden wie Fagan. "Es ist offensichtlich", sagt Weiss, "daß die deutschen Unternehmen nicht vertraut sind mit unserem Rechtssystem, vor allem nicht mit Sammelklagen." Von Fagan hält er nichts: Dessen Aktionismus schade der gerechten Sache.

Es geht um Milliarden. Kein Wunder, daß sich die Kläger untereinander selten gewogen sind. Der um Einfluß und Prestige fürchtende World Jewish Congress etwa strebt eine Einigung mit der Wirtschaft ohne die Anwälte an. Doch dies läßt das US-Recht nicht zu. Auch in der Bundesregierung setzt sich die Erkenntnis durch, daß eine Lösung ohne die Class-Action-Lawyer nicht möglich ist.

Als Kanzleramtsminister Bodo Hombach im Mai Spitzen der Wirtschaft, Vertreter von acht Regierungen und jüdischen Organisationen zur Beratung über den Entschädigungsfonds ins US-Außenministerium bat, tauchten erstmals auch Fagan und weitere Anwälte in der großen Runde auf.

Die Topmanager reagierten pikiert. Sie wollen den Fonds mit bis zu drei Milliarden Mark ausstatten ­ in der Hoffnung auf eine "executive order" Clintons, die sie vor weiteren Klagen schützt. Doch diesen Schutz kann niemand garantieren. Zu ihrem Leidwesen können das auch die an einer flotten Einigung und flotten Honoraren interessierten Anwälte nicht.

Immerhin, deuten sie an, besäße ein Fonds, wenn er nur groß genug sei, eine enorme Bindungswirkung: Durch Weiss' Kanzlei geistert die Zahl von 20 Milliarden Dollar.

Fagan richtet noch mal eine Adresse an die Unternehmen: "Gott helfe ihnen, wenn wir die Fälle vor Gericht bringen. Es wird auf der ganzen Welt nicht genug Geld geben, mit dem sie bezahlen können. Die Jury wird uns alles zusprechen, was wir verlangen. Alles." Und jetzt muß er los. Nach Tel Aviv. D'Avino schweigt. Aber D'Avino lächelt.


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