Dienstag, 11. Dezember 2018

Was macht eigentlich Klaus Pohle?

An den verdienten Ruhestand denkt der ehemalige Schering-Finanzvorstand und bekennende Workaholic noch lange nicht. Weil er mehr sein will als ein hoch bezahlter Türöffner, leitet Pohle den Deutschen Standardisierungsrat. Seine Aufgabe: Unternehmen die Angst vor IAS zu nehmen.

Das neue Leben des Klaus Pohle (65) ist untrennbar mit einem Buch verbunden, das der Bibel ähnelt. Über 800 Seiten umfasst der Wälzer - schwere Kost, die über alltägliches Geplänkel weit hinausgeht.

Bilanzexperte mit vollem Terminkalender: Ex-Schering Finanzvorstand Klaus Pohle
Der Inhalt ist gleichwohl durchweg irdischer Natur. Das Werk enthält die neuen Rechnungslegungsvorschriften für Kapitalgesellschaften, besser bekannt als IAS (International Accounting Standards). Die sind ab Ende 2005 in der EU verbindlich.

Was Pohle damit zu tun hat? Der Mann ist in dem komplizierten internationalen Bilanzrecht zu Hause wie andere Vorstände auf dem Golfplatz. Schon 1994, lange vor dem Gros der Industrie, stellte er als Finanzvorstand des Pharmakonzerns Schering Börsen-Chart zeigen auf IAS um. Jetzt ist sein Wissen dringend gefragt. Pohle, der im April bei Schering in Pension ging, bekam im selben Monat einen aufreibenden neuen Job.

Der Exmanager führt als hauptamtlicher Präsident den Deutschen Standardisierungsrat, das Topgremium im Bilanzierungswesen hier zu Lande. Und klärt über IAS pflichtbewusst wie ein Volkshochschullehrer auf. "Wenn wir Workshops veranstalten", berichtet er stolz, "haben wir erstaunlich viel Zulauf. Wer weiß schon, welche Konsequenzen der Übergang zu IAS hat?"

Pohle gefällt vor allem die diplomatische Seite seiner Mission. Er soll die europäischen Interessen beim IAS-Board in London geschickt platzieren und muss sich dabei eng mit Franzosen und Briten abstimmen. Der Board hat die Aufgabe, in das internationale Regelwerk europäische Besonderheiten einfließen zu lassen.

Pohle sitzt mehr im Flugzeug als zu Hause. Seine flinken braunen Augen verraten wie zu Schering-Zeiten stete Unruhe. Hundert Seiten Papier, sagt der nüchtern auftretende Herr, müsse er unabhängig von der Reisetätigkeit täglich durcharbeiten.

Um das Pensum zu schaffen, hält der Präsident sich und seine Umwelt in permanenter Bewegung. Schon frühmorgens nimmt Pohle - nebenbei noch Professor an der TU Berlin - Prüfungen ab. Mit dem Unijob soll allerdings demnächst Schluss sein.

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© manager magazin 11/2003
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