Donnerstag, 21. September 2017

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Stoffe Im Land der Weber

Wolle, Mohair und Kaschmir bilden die Basis für Anzüge der Luxusklasse. Je dünner das Garn, desto höher die Qualität. Die edelsten Tuche stammen aus der stillen Bergregion um das Städtchen Biella im Piemont.

Andächtig öffnet Luciano Barbera (65) die Tür, dabei flüstert er leise: "Jetzt betreten wir das Allerheiligste."

Grundlage für Edel-Anzug: Stoffe, hier von Ermenegildo Zegna
Ein Kellergewölbe tut sich auf. In meterlangen Regalen stapeln sich schlichte Holzkisten. Darin: Garne, Garne, Garne. Bevor sie verwebt werden, lagern sie monatelang im milden Ambiente von 18 Grad. "Das ist wie beim Wein", sagt Barbera, "der wird durchs Lagern auch immer besser."

Der elegante Signore - in grünbraunes Tuch gekleidet - ist Chef und Mitinhaber der Carlo Barbera & C., einer edlen Stoffweberei in Pianezze, einem kleinen Dorf im nördlichen Piemont. Rund 20 Kilometer sind es von hier bis Biella, der Provinzhauptstadt mit rund 50.000 Einwohnern.

Aus der Gegend um Biella kommen die besten Stoffe der Welt. Kleine, schmucke Dörfer kleben an den Hängen rund um Biella. In jedem Flecken gibt es eine Kirche und eine Weberei.

60 Firmen zählt die Associazione Ideabiella, der Verband der Bielleser Weber. Einige Unternehmen wie Zegna, Cerruti und Barbera sind auch dem Endverbraucher bekannt, weil sie neben Stoffen auch Bekleidung herstellen. Andere wie Guabello, Garlanda, Loro Piana oder Reda sind reine Stoffproduzenten und deshalb nur Modemanagern vertraut.

Zum Beispiel Lothar Reiff (49), Kreativvorstand der Hugo Boss AG Börsen-Chart zeigen. Er urteilt: "Die Biella-Weber sind im hochwertigen Bereich weltweit konkurrenzlos."

Es gibt die Engländer, aber die haben nur klassische Stoffe im Angebot. Es gibt die Italiener in der Gegend um Prato, aber die bieten billigere Stoffe an. Wer beste Qualität und modische Raffinesse haben will, der muss nach Biella.

So ist es seit vielen Jahrzehnten. Am Anfang war das Wasser, das aus den Alpen Richtung Po-Ebene fließt. Klares, weiches Wasser - ideal für Spinnereien und Webereien, die während der Produktion mehrmals ihre Rohstoffe waschen müssen.

Heute haben die Bielleser Weber noch andere Vorteile: ihr über viele Jahre erworbenes Textil-Know-how und ihr einmaliges modisches Gespür.

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