Montag, 16. Juli 2018

Wertewandel Sind die Deutschen zu faul?

Die Bundesbürger arbeiten immer weniger. Der Rückzug in die Freizeitgesellschaft hat dramatische Auswirkungen - der Wohlstand bröckelt.

"Wir können alles schaffen/Genau wie die tollen/dressierten Affen/Wir müssen nur wollen .../Muss ich immer alles müssen, was ich kann/Eine Hand in den Sternen/Die andre im Hintern vom Vordermann/Das ist das Land der begrenzten Unmöglichkeiten ..."
Aus: "Müssen nur wollen" von der Popband "Wir sind Helden"


So klingt der Zeitgeist 2003: deprimiert und laut und lustvoll. Wochenlang war die Berliner Popband "Wir sind Helden" in den Top Ten der Verkaufslisten. "Die Reklamation" heißt ihre CD. Hymnen einer Generation, die das Gefühl hat, nicht gebraucht zu werden, und sich deshalb in Leistungsverweigerung und Konsumkritik flüchtet.

Wohlstand in Gefahr: Die Deutschen frönen immer mehr dem Müßiggang
Der deutsche Blues hat sich festgesetzt in den Köpfen.

Eine "Neigung zum Selbstmitleid" beobachtet Florian Illies (32), dessen Buch "Generation Golf 2" die Frustration der einst so motivierten New-Economy-Generation beschreibt: "Plötzlich beginnen wir zu ahnen, dass wir das Beste vielleicht schon hinter uns haben."

Nicht nur die Jungen umwölken düstere Gefühle. Selbst ein knorriger Unternehmer wie Ex-Arbeitgeberpräsident Klaus Murmann (71) kann sich der deutschen Schwermut nicht entziehen: "Ich würde ambitionierten jungen Leuten sagen: Geht nach Amerika. Da könnt ihr euch besser entfalten als im überregulierten Deutschland." Die Diagnose: schwere kollektive Depression.

Ein Zustand, an dem auch erste Zeichen einer leichten Konjunkturbelebung wenig ändern.

Keine westeuropäische Nation blickt derart pessimistisch in die Zukunft. Nur 20 Prozent der Bundesbürger erwarten nach einer EU-weiten Umfrage, dass es ihnen in fünf Jahren besser gehen wird - in Italien, Großbritannien oder Schweden glaubt jeweils rund die Hälfte der Befragten an eine bessere Zukunft.

Die große Mehrheit der Deutschen hingegen ist froh, wenn sie das Erreichte halten kann. Und verhält sich entsprechend: zieht sich ins Private zurück, arbeitet weniger, schränkt sich ein.

Eine "schizophrene Mischung aus Autoritätsgläubigkeit und Anspruchsdenken", diagnostiziert der Münchener Wirtschaftspsychologe Dieter Frey bei seinen Mitbürgern. Statt selbst anzupacken, verharrten sie in einer passiven "freizeitorientierten Schonhaltung".

Die Folgen können aus den Statistiken abgelesen werden: Die Durchschnittsarbeitszeit ist auf einen historischen Tiefststand gesunken. Heute arbeiten die Beschäftigten knapp 250 Stunden - umgerechnet sechs 40-Stunden-Wochen jährlich - weniger als noch vor zwei Jahrzehnten.

Der Rückzug in die Freizeit- und Vorruhestandsgesellschaft hat dramatische Auswirkungen. Jede Volkswirtschaft wächst auf Dauer nur so schnell wie die Menge ihrer Produktionsfaktoren. Und das ultimative Produktionsmittel ist nun einmal der Mensch.

© manager magazin 9/2003
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