Montag, 17. Dezember 2018

Mallorca Gekauftes Glück

Deutsche Wirtschaftsgrößen könnten sich überall auf der Welt großzügige Domizile leisten. Warum zieht es sie ausgerechnet auf die Insel der Pauschaltouristen?

Die Tabuzone umfasst 16 Tage. Acht langfristig festgelegte Wochenenden, an denen Eon-Aufsichtsratschef Ulrich Hartmann von seinen Mitarbeitern nicht verplant werden darf. Diese Zeit gehört Hartmanns heimlicher Liebe: seiner Finca im Süden von Mallorca.

 Meine Villa, mein Garten, mein Pool: Spediteur Klaus-Michael Kühne und Gattin Christine lassen es sich gut gehen in Port d'Andratx
Frank W. Hempel
Meine Villa, mein Garten, mein Pool: Spediteur Klaus-Michael Kühne und Gattin Christine lassen es sich gut gehen in Port d'Andratx
Bisweilen feiert Hartmann hier auch seinen Geburtstag. Wer zur Deutschland AG gehört und auf Mallorca weilt, darf sich eingeladen fühlen zu einem Drink "beim Uli". Draußen auf der Terrasse, ohne Jackett und Krawatte.

Der Kreis der möglichen Gäste ist groß. Kaum ein deutscher Konzern, in dem nicht mindestens ein Vorstands- oder Aufsichtsratsmitglied einen Zweitwohnsitz auf Mallorca sein Eigen nennt. Kaum eine namhafte Unternehmerdynastie, die ihren Reichtum nicht in mindestens einer mallorquinischen Villa vermauert hat.

Der Großspediteur Klaus-Michael Kühne siedelt in Port d'Andratx, in der Nähe des Allianz-Vorstands Paul Achleitner. Ex-Lufthansa-Lenker Jürgen Weber bevorzugt die Küste im Nordosten. Der Metro-Grande Jan von Haeften betreibt Ackerbau im mallorquinischen Hinterland. In Canyamel, so ist zu hören, telefoniert RWE-Aufsichtsrat Dietmar Kuhnt bisweilen in Badehose und vom Liegestuhl aus mit dem Bundeskanzler. Die mallorquinische Ferienklause von Eon-Vorstandschef Wulf Bernotat soll stolze 180 Quadratmeter messen.

Die Kosmetik-Magnaten Hans-Peter Schwarzkopf sowie Ulrich und Sylvia Ströher (ehemals Wella) bilden das so genannte Shampoo Valley bei Pollenca.

Der Makler Christian Völkers besitzt ein Anwesen bei Valldemossa. Er vermittelt europaweit Immobilien an Kunden, die nicht allzu genau auf den Euro schauen müssen. Völkers: "Mallorca ist für Manager und Unternehmer mit Abstand der beliebteste Ort für einen Zweitwohnsitz."

Moment mal. Ausgerechnet Mallorca? Die Insel der Liegestuhlkriege und der Sangria-Eimer? Die Insel, die es dank eines fiesen Ausschlags namens Mallorca-Akne bis in die medizinische Fachliteratur schaffte? Die Insel, der inzwischen selbst leidensfähige Pauschalreisende den Rücken kehren, weil ihnen "Malle" einfach zu voll und zu teuer ist?

Ja, ausgerechnet Mallorca. Statusbewusste Manager würden eher auf ihr Vorstandskasino verzichten, als in dienstlicher Mission die Economy-Class der Lufthansa zu betreten. Am Wochenende aber gondeln sie freiwillig mit der eng bestuhlten Air Berlin für 69 Euro nach Palma, pressen ihrem Vordermann die Kniescheiben ins Gesäß und debattieren lustvoll über die Tricks der richtigen Sitzplatzwahl: Am besten Reihe zehn, weiter vorn ist alles voll mit schreienden Säuglingen, weiter hinten kommt man schlecht raus. Außerdem sind da die Raucherplätze, die meist von grölenden Ballermann-Touristen gebucht werden.

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