Sonntag, 9. Dezember 2018

Sieger Dienstleistungen Sellbytel

Wer die Infoline von Smart wählt, die Hotline von Grundig oder den Helpdesk von Hewlett-Packard anruft – er wird immer in einem neuen, nüchtern eingerichteten Gebäude in Nürnberg landen.

Dort sitzen in diversen Großraumbüros adrett gekleidete junge Damen und Herren mit Kopfhörern und Mikrophonen, in die sie freundlich säuseln: "Guten Tag, Smart/Grundig/Hewlett-Packard, was kann ich für Sie tun?"

Ein legaler Schwindel – die hilfsbereiten Personen am anderen Ende der Leitung sind Angestellte der Sellbytel GmbH in Nürnberg. Ihr Chef ist Michael Raum (33). Er hatte vor elf Jahren in den USA die Idee aufgeschnappt, ein Call-Center zu gründen, "obwohl damals kaum jemand eine Ahnung hatte, was das ist", erinnert sich Raum.

Auch die Dresdner Bank wußte es nicht. Trotzdem schaffte es Raum, der vorher sehr erfolgreich Computer von Triumph-Adler verkauft hatte, den Bankern einen Kredit über 200 000 Mark abzuschwatzen. Er mietete 400 Quadratmeter Büro an, stellte fünf Mitarbeiter ein und bekam den ersten Auftrag von einem Münchner Systemhaus.

Heute hat Sellbytel rund 750 festangestellte Beschäftigte, 46 Millionen Mark Honorareinnahmen, und auf der Kundenliste stehen Topadressen: DEC, IBM, Siemens, Allianz, Nissan.

Sellbytel gehört zur Spitze der rund 1500 deutschen Call-Center – quantitativ wie qualitativ.

Raums Erfolgsrezept: Er legte von Anfang wert auf Kompetenz. Ins Massengeschäft, bei dem am Telephon ein paar unbedarfte Jungs und Mädels banale Auskünfte über irgendwelche Produkte erteilen, wollte er sich nicht begeben.

Er stellte fast nur Hochschulabsolventen ein und empfahl sich damit für Kunden mit schwierigen Aufgaben.

Zum Beispiel Hewlett-Packard. Wenn ein HP-Kunde Probleme mit seiner Work-Station hat, ruft er bei Sellbytel an, dort loggt sich der Mitarbeiter in den Computer ein und hilft ihm per Telephon. In 80 Prozent der Fälle klappt das.

Weniger kompliziert ist die Arbeit für Grundig. 40 Sellbytel-Mitarbeiter warten auf Anrufe von Grundig-Kunden, die nicht wissen, wie sie den Videorecorder oder die Fernbedienung einstellen sollen. Raum behauptet, daß er diesen Service kompetenter, freundlicher und vor allem rund 40 Prozent kostengünstiger als Grundig anbieten kann.

Er ist deshalb überzeugt, daß immer mehr Unternehmen solche Infodienste via Telephon und E-mail outsourcen werden.

Raum will sich deshalb neuen Branchen und Regionen öffnen. Bislang war er stark auf die IT-Branche sowie auf Deutschland und die Schweiz fixiert. Das will er ändern: In Frankreich eröffnet er demnächst eine Niederlassung, weitere sollen in Europa folgen.

Raums Ziel: Mit einem europäischen Netzwerk zu den Top-Call-Centern des Alten Kontinents aufschließen.

Aber was macht dann jemand, der mit Mitte 30 bereits sein unternehmerisches Ziel erreicht hat? Raum: "Vielleicht mache ich dann etwas ganz anderes."


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