Samstag, 17. November 2018

Hall of Fame 2003 - Laudatio Henning Schulte-Noelle über Giuseppe Vita

"Herr Vita ist ein notorischer Optimist. Und das hat Schering gut getan. Vor allem in den Jahren nach der Wiedervereinigung."

"Die Italiener schätzen die Deutschen, aber sie lieben sie nicht. Die Deutschen lieben die Italiener, aber sie schätzen sie nicht. Dass sich der erste Teil dieses Bonmots, vielleicht ist es ja auch nur ein Klischee, überwinden lässt, hat Michael Schumacher bewiesen. Seit seiner ersten Weltmeisterschaft für Ferrari lieben ihn die Italiener mindestens wie Sophia Loren.

Giuseppe Vita kokettiert gern mit seiner italienischen Abstammung und seinem Akzent. In tiefster Seele ist der Mediziner Internationalist. Er begann seine Karriere 1964 in der Forschung des Pharmakonzerns Schering. Wenig später baute er das Italien-Geschäft auf, von Juni 1989 bis April 2001 war er Schering-Chef. Heute ist Vita als Aufsichtsrat gefragt: unter anderem bei Schering, Springer, Hugo Boss.
Um mit dem zweiten Teil dieses Ondits aufzuräumen, dafür haben wir uns hier versammelt. Viele Deutsche schätzen die Italiener sehr und Sie, Herr Vita, ganz besonders. Die Wertschätzung ist so ausgeprägt, dass Sie heute in die Hall of Fame erhoben werden. Wir feiern den Manager und den Unternehmer Vita für eine vorbildliche unternehmerische Lebensleistung, die nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Wie fing das alles an? Eigentlich mit einer klaren Zielverfehlung. Denn nach seiner medizinischen Ausbildung in Italien zum Facharzt für Radiologie wollte Herr Vita seinem Bruder nach New York folgen. Jedenfalls war das die feste Absicht, die ihn 1962 zunächst als medizinischen Assistenten an das Röntgeninstitut der Universität Mainz gehen ließ.

Doch Schering mischte sich mit einem offenbar interessanten Angebot ein. So landete er 1964 in Berlin, als wissenschaftlicher Mitarbeiter für Kontrastmittel in der klinischen Forschung bei Schering.

Ein Jahr später war er bereits Geschäftsführer der Konzerntochter in Mailand. Der Auftrag war, in Italien Schering wieder aufzubauen, nachdem die Firma nach dem Krieg enteignet worden war. Keine leichte Aufgabe. Denn bekannt geworden durch die Pille, war Schering in einem der katholischsten aller Länder im Geist dem Teufel ein Verbündeter.

Herr Vita schaffte es, aus dem Nichts ein florierendes Pharmaunternehmen aufzubauen.

So etwas empfiehlt für Höheres. Nach mehreren erfolglosen Versuchen, ihn in die Zentrale zu locken, gab er 1987 endlich nach. Wiederum bewährte er sich glänzend, sodass 1989, als es darum ging, dem Aufsichtsrat einen Nachfolger für Horst Witzel vorzuschlagen, den damaligen Vorstandsvorsitzenden, wohl irgendjemand zur richtigen Zeit in der richtigen Runde fragte, warum nicht Vita, und damit auf breite Zustimmung stieß.

So wurde er wenige Monate vor dem Ende der Teilung Berlins Chef des einzigen international wirklich bekannten Unternehmens der heutigen Hauptstadt. In diesem Moment erhoben Sie, lieber Herr Vita, Ihre Stimme. Und warben in Italien, in Europa insgesamt und auch vor Amerikanern für ein einiges Deutschland. Sie kannten dieses Land und waren sich nicht zu schade, zurückhaltend im Ton, aber eindringlich in der Sache, Ängste vor einem teutonischen Hegemoniestreben zu zerstreuen.

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