Freitag, 17. August 2018

Psychologie Lob der Eitelkeit

In Zeiten von Größenwahn und Raffgier ist eine wichtige Tatsache fast in Vergessenheit geraten - ein selbstbewusstes Ego, ja sogar ein wenig Eitelkeit und Narzissmus, sind wichtige Triebkräfte für den beruflichen Erfolg.

Klassentreffen, o Mann. Da sitzt du nun seit zwei Stunden mit diesem ehemaligen Mitschüler am Tisch, und der redet und redet und redet und hat nur ein Thema: sich selbst. Seine Biografie, seine Erfolge, seine Pläne, seine ich weiß nicht was. Und dass er es ist, der auf Geschäftspapieren unten links signieren darf, an der wichtigsten Stelle, wie jeder weiß.

Psychologie: Ein Schuss Eitelkeit fördert die Karriere
Er redet so lange, bis es ihm selbst peinlich wird und er - aufatmen - sich unterbricht. "Du lieber Himmel, da rede ich die ganze Zeit über mich, wie unhöflich. Lass uns doch mal über dich reden: Wie hat dir der Artikel im manager magazin über mich gefallen?"

Sollst du nun lachen, hysterisch aufschreien oder weinen?

Aber für die Antwort bleibt gar keine Zeit. Plötzlich wird dir klar: Das Ego ist die treibende Kraft des Erfolgs. Das große "M" steht nicht mehr für Management. Nicht mehr für Modelle und Methoden. Es steht für kreativen Mut und individuelle Meisterschaft, geboren aus der Lust an der Selbstdarstellung großartiger Leistungsfähigkeit. Diese Eitelkeit, dieser Narzissmus, dieser Drang zum Erfolg, der mit deinem Namen verbunden ist, lässt dich all das aushalten, was ein Spitzenjob heute erfordert: Anspannung, Zeitnot, Verlust des Privatlebens, Druck und Hektik.

Gleichzeitig aber raunt die warnende Stimme des professionellen Gewissens: Wenn du so wirst wie dieser Typ da neben dir, landest du dann nicht früher oder später in einer unkontrollierten Überheblichkeit?

Doch schon verweht auch dieser Gedanke wieder, und die Porträts der Erfolgreichen erscheinen auf der Projektionswand deiner Zukunftsträume. Es sind die Köpfe derer, die eitel sind und erfolgreich, große Namen der deutschen Wirtschaft.

Diese neuen Siegertypen, diese unübersehbaren Egos beflügeln die Karriereträume von jungen Leuten, so viel ist schon mal sicher. In einer Befragung des manager magazins im Jahr 2000 nannten 500 Uni-Absolventen ihre Vorbilder. Da standen sie alle auf den vorderen Plätzen, die großen Namen: DaimlerChrysler-Lenker Jürgen Schrempp, Ron Sommer, zu jener Zeit noch Chef der Deutschen Telekom, Ferdinand Piëch, damals Vorstandsvorsitzender des VW-Konzerns, Wendelin Wiedeking, der menschgewordene Porsche. Ebenfalls ganz oben auf der Liste rangierte Thomas Haffa, damals noch Chef von EMTV.

Mal ehrlich: Wer wollte nicht so sein? Mitten im Lichtgewitter der Fotografen stehen, dass es ohne Ray Ban kaum auszuhalten ist? Du weißt schon, diese Sonnenbrille aus "Men in Black", die amerikanische Filmpolizisten und smarte New-Economy-Manager so unglaublich cool aussehen lässt. Solche Egos braucht das Land, hieß es damals.

Und nun?

© manager magazin 12/2002
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