Sonntag, 24. März 2019

Tui Reisefieber

Mutig hat Vorstandschef Michael Frenzel den Mischkonzern Preussag in den Touristik-Champion Tui umgebaut. Doch jetzt setzt die Reisekrise dem neuen Unternehmen schwer zu. Der Stratege kämpft um sein Reformwerk.

Man muss Angst haben um das Papier in Michael Frenzels rechter Hand. Unbarmherzig packt er es zwischen Daumen und Zeigefinger, dann knallt er mit dem Handballen auf den Tisch. Der linke Zeigefinger stößt hinzu, pocht - zack, zack, zack! - auf die Zahlenkolonnen. "Das war die Buchungslage 2000 - das war der Einbruch 2001 - und da stehen wir heute."

 Die Zurückhaltung ist vorbei: Tui-Chef Frenzel muss sein Reformwerk verteidigen
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Die Zurückhaltung ist vorbei: Tui-Chef Frenzel muss sein Reformwerk verteidigen
War Michael Frenzel nicht mal der unterkühlte Stratege? Der Mann der dezenten Gesten? Der seelenruhig aus Preussag, dem Montan- und Sammelsurium-Konzern, die Tui AG formte, den größten Touristikanbieter der Welt?

Die Zurückhaltung ist vorbei. Der Tui-Chef hat in letzter Zeit mit vielen Bankern und Analysten zusammengesessen. Hat in skeptische Gesichter gesehen, immer die gleichen, lästigen Fragen ertragen. Das rüttelt auf. Das macht energisch.

Wenn der Konzernchef in diesen Tagen über sein Unternehmen spricht, dann klingt es wie eine Verteidigungsrede. Eilig präsentiert er Zahlen, rattert Argumente herunter, beantwortet Fragen, noch ehe sie gestellt sind. "Steckt die Tui in der Krise?" will er von sich selbst wissen. "Ich sage klar: Nein!"

Schneller als erwartet steht der wohl spektakulärste Umbau eines deutschen Großkonzerns vor einer Bewährungsprobe. Der erste Schwung der Revolution - fort mit Flözen und Feuerlöschern, her mit Strand und Traumschiff - ist verbraucht.

Die neue Tui hat sich ein schönes Markenzeichen zugelegt, das Logo lässt die drei Buchstaben T-u-i lächeln; doch das Strahlen fällt den Urlaubsmachern zunehmend schwer:

  • Die Hochkonjunktur des Pauschalurlaubs ist dahin. Das Attentat vom 11. September, Terroranschläge in Feriengebieten, vor allem aber die allgemeine Flaute haben die Reiselaune verdorben. Gerade in Deutschland bleiben die gewohnten Buchungen aus.


  • Das Wohlwollen der Finanzwelt schwindet, kritische Bankstudien häufen sich.


  • Der Börsenkurs ist - über die allgemeine Baisse hinaus - in historische Tiefen abgetaucht.
Tui-Vormann Frenzel gibt sich unbekümmert, so gut es geht. Vom Wort "Krise" will er nichts wissen. Es sei allenfalls eine "Delle" im Reisegeschäft zu beklagen, sagt er. Delle, das klingt nach Blechschaden, keine große Sache also.

© manager magazin 11/2002
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