Sonntag, 20. Januar 2019

Allianz Schock-Options

2. Teil: Die harte Linie

Gewiss, die neue harte Linie gilt überall im Konzern. Baustellen gibt es genug (siehe: "Münchener Schadensfälle").

"Wer zu unserem Kerngeschäft gehören will, muss einen positiven Wertbeitrag abliefern." - Allianz-Chef Schulte-Noelle
Doch für Schulte-Noelle und seinen Chefcontroller Perlet hat das Geldhaus derzeit Priorität. Sie haben die Bankmanager zu einer brutalen Sanierung verdonnert. Fast die Hälfte seiner Arbeitszeit verbringt Perlet damit, die Fortschritte zu überwachen.

In ihrem angestammten Metier waren es die Allianz-Manager gewohnt, solche Aufräumarbeiten ungestört von der Öffentlichkeit zu erledigen. So wie beim kränkelnden US-Sachversicherer Fireman's Fund. Im vergangenen Jahr hatte Schulte-Noelle entschieden, den zuletzt glücklosen Amerika-Vorstand Herbert Hansmeyer (61) abzulösen.

Der Assekuranz-Veteran wurde mit allen Ehren, aber ohne Abfindung in den Ruhestand entlassen, Michael Diekmann als Nachfolger installiert. Der Allianz gelang es, die Trennung von Hansmeyer als normalen Rückzug aufs Altenteil zu verkaufen.

In der biederen Versicherungszunft mag diese Form der Problembewältigung funktionieren. In der lauten Glamourwelt des internationalen Bankings mit seinen Diven, Stars und Multi-Millionen-Gehältern ist solch diskrete Lösung heikler Personalfragen undenkbar.

Das Abenteuer Dresdner Bank sorgte von Anfang an für Misstöne. So mokierten sich die Versicherungsleute über den Selbstdarstellungsdrang des Dresdner-Chefs Fahrholz. Der lasse kein Polit-Event und keine Talkshow aus. Dem Dresdner-Chef (Allianz-Spruch: "Ich und der Kanzler") wurde sogar nachgesagt, er wolle aussteigen und lieber in die Politik wechseln (Fahrholz: "abwegig").

Jahr der Entscheidung: Das Dresdner-Dilemma
Mitarbeiter in der Münchener Zentrale erzählen auch gern, Schulte-Noelle habe seinem Stellvertreter Fahrholz nahe gelegt, wenigstens intern auf den Gebrauch seines Professorentitels zu verzichten. Ein solches Titelgehabe passe nicht zur Kultur der Allianz.

Bei dem Versicherer wird Understatement gepflegt. Wer zum Beispiel Finanzvorstand Achleitner mit "Herr Professor" anredet (die WHU Koblenz hat ihm den Ehrentitel verliehen), muss Geld in eine Strafkasse einzahlen.

Doch keiner im Haus verkörpert die Allianz-Kultur so sehr wie Schulte-Noelle. Sachlich, kühl und zurückgenommen regiert er den Konzern. Viele Mitarbeiter empfinden ihren Chef als unnahbar. Selbst die seltenen Momente, in denen Schulte-Noelle Emotionen zeigt, wirken kalkuliert.

So wie beim Führungskräftetreffen in Königstein, als der Chef seine Gefühle für die Allianz offenbarte. "Wenn ich Steve Ballmer von Microsoft wäre, würde ich jetzt herumhüpfen und vier Worte rufen: 'Ich liebe diese Firma.'"

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