Dienstag, 20. November 2018

Mentalität "Seelische Widerstände bremsen die Wirtschaft"

Der Hallenser Psychiater Hans-Joachim Maaz über die Mentalität der Ostdeutschen.

mm:

In Ihrem Buch "Das gestürzte Volk" schrieben Sie 1991, die meisten Ex-DDR-Bürger seien nicht reif für die Marktwirtschaft. Gilt die Analyse auch heute noch?

Maaz: Die seelischen Widerstände der Menschen und die hohe Arbeitslosigkeit bremsen die wirtschaftliche Entwicklung. Die Politik hat leider die psychosoziale Dimension der Einheit nicht beachtet. Daran krankt Ostdeutschland bis heute.

mm: Das ist überraschend. Den meisten Menschen geht es heute materiell unvergleichlich besser.

Maaz: Vergessen Sie nicht, dass viele Menschen von den Chancen der Marktwirtschaft ausgeschlossen bleiben. Sie haben keine Hoffnung, jemals wieder eine Stelle zu finden, und haben sich längst aufgegeben.

mm: Aber die Mehrheit nutzt die neuen Entfaltungsmöglichkeiten. Die meisten Leute haben einen Job, gar eine eigene Firma. Sie konsumieren, sie reisen.

Maaz: Viele haben gelernt, sich im neuen System zurechtzufinden. Das Erstaunliche ist aber: Die wenigsten fühlen sich richtig wohl, auch wenn es ihnen objektiv gut geht. Es bleibt immer dieses Unbehagen. Die seelische Befindlichkeit folgt nicht dem materiellen Erfolg.

mm: Woran liegt das?

Maaz: DDR-Bürger sind nicht zur Freiheit erzogen worden. Vom Kleinkindalter an wurden sie auf Anpassung trainiert. Unterordnung, Einordnen ins Kollektiv, keine eigene Meinung haben - das wurde im DDR-System belohnt.

mm: So verhalten sie sich bis heute?

Maaz: Viele, ja. Sie warten ab, was von ihnen erwartet wird; tun, was man ihnen sagt; oder sie leisten stillen Widerstand.

mm: Widerstand gegen wen?

Maaz: Gegen die Westdeutschen. Das ganze Geld aus dem Westen hat die eigene Wertschätzung nicht gerade gestärkt. Nur wer über ein starkes Selbstbewusstsein verfügt, kommt in der Marktwirtschaft zurecht. Wir leben jetzt in einem System, in dem jeder selbst die Initiative ergreifen, sich verkaufen muss. Viele Ostdeutsche können das bis heute nicht.

mm: Die DDR ist schon vor einer halben Generation untergegangen. Verblasst der Ostkomplex nicht allmählich?

Maaz: Leider setzt sich das über die Erziehung fort. Die Eltern vererben die DDR gewissermaßen an ihre Kinder. Ich mache mir große Sorgen, dass sich diese resignierte, latent aggressive Haltung ausbreitet.

mm: Gibt es eine Lösung?

Maaz: Schwierig. Ich plädiere für Elternschulungen. Die Erwachsenen müssen lernen, wie sie ihre Kinder zu selbstbewussten, selbstständigen Persönlichkeiten erziehen. Das wäre eine langfristig wirksame Therapie. Natürlich müssen auch Politik und Wirtschaft für Perspektiven sorgen.


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