Mittwoch, 19. Dezember 2018

Lycos Europe Mohns Hundejahre

Bertelsmann-Erbe Christoph Mohn setzte sein Vermögen auf den Erfolg des angeschlagenen Internet-Portals. Schafft er den Turnaround?

Mit einer Hand am Steuer lenkt Christoph Mohn (36) seinen Wagen durch ein gesichtsloses ostwestfälisches Straßendorf. Er fährt einen Audi A8. Keineswegs ein unangemessenes Auto für einen Vorstandsvorsitzenden. Doch Mohn sieht Erklärungsbedarf: "Ein Freund von mir ist bei einem Autounfall gestorben. Danach wollte ich den sichersten Wagen, den es gibt, auch wegen meiner Familie." Am sichersten sei nun mal ein A8 mit Allradantrieb. "Natürlich der mit der kleinen Maschine, sonst fährt man nur wieder zu schnell."

Der Sohn des Bertelsmann-Patriarchen Reinhard Mohn (80) hat das Prinzip Bescheidenheit verinnerlicht. Als Kinder mussten Christoph und seine Geschwister stets dankbar sein: Dankbar für das Bett, in dem sie schlafen durften. Dankbar für das geheizte Zimmer. Dankbar für den gedeckten Mittagstisch.

An diesem protestantischen Rucksack hat Mohn junior bis heute zu schleppen. Sogar den Kauf einer Familienkutsche für runde 50.000 Euro muss der Milliardärssohn vor sich und anderen rechtfertigen.

Ganz anders der Unternehmer Christoph Mohn. Der pfeift auf Bescheidenheit. Mohn hat einen bedeutenden Teil seines Privatvermögens in das Internet-Portal Lycos Europe Börsen-Chart zeigen investiert. Unternehmen wie Lycos bieten auf ihren Web-Seiten allerlei Produkte zum Kauf an, vermieten Werbeflächen und versuchen die Internet-Surfer mit interessanten Inhalten und Kommunikationsdiensten bei Laune zu halten.

Mit einem wahren Übernahmestakkato und enormen Werbeausgaben erkaufte sich Mohn die Marktführerschaft in Europa. Er zahlt einen hohen Preis. Bis heute verbrennt Lycos Geld. 34 Millionen Euro waren es allein im vierten Quartal 2001, bei einem Umsatz von 36 Millionen Euro.

Mohn, der waghalsige Internet-Zocker?

Mohn, das angepasste Konzernkind?

So viel ist klar: Das Unternehmen Lycos Europe lässt sich nicht verstehen, ohne Christoph Mohn zu verstehen - und umgekehrt. Wer wissen will, wie es wirklich um die Zukunft des größten europäischen Internet-Portals steht, muss eintauchen in das seltsame ostwestfälische Mit- und Gegeneinander der Familie Mohn und des Bertelsmann-Konzerns; muss zurückschauen ins Jahr 1997.

Lycos: Die größten Probleme des Portal-Anbieters
Christoph Mohn hat zu diesem Zeitpunkt biografische Stationen hinter sich, in denen zumeist die Begriffe "Bertelsmann" oder "Westfalen" eine wichtige Rolle spielen: Wehrdienst bei einer westfälischen Panzerkompanie, ein Betriebswirtschaftsstudium in Münster, drei Jahre bei der Bertelsmann Music Group (BMG) in New York und zwei Jahre als Berater bei der Bertelsmann-Hausagentur McKinsey. Bei BMG hat er seine Frau kennen gelernt. Die promovierte Mathematikerin Shobhna Mohn leitet heute die Investor-Relations-Abteilung von Bertelsmann.

Das Jahr 1997 bringt die Wende im Leben des Konzernkindes Mohn. Zunächst arbeitet er wieder in Gütersloh. Als Angestellter der Bertelsmann-Tochter Telemedia soll er nach Partnern für ein Joint Venture im Internet-Bereich suchen. Die Wahl fällt schließlich auf das US-Portal Lycos. Gemeinsam wollen die Partner die Expansion des Portals nach Europa betreiben, mit der Technik der Amerikaner und der Medienerfahrung der Bertelsmänner.

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