Mittwoch, 21. November 2018

Porträt Low-Key-Joe

3. Teil: Idyllischer Werdegang

Der Vater ist Landarzt in Mels, im Hinterland von St. Gallen. Aber die ländliche Idylle macht auch zäh. Die nächste Kantonsschule liegt in Chur. Jeden Tag gehen mehr als zwei Stunden für den Schulweg drauf, erst geht's mit dem Fahrrad nach Bad Ragaz, dann 30 Minuten mit der Bahn, noch mal 10 Minuten bis zur Schule zu Fuß. Dies sommers wie winters, vom 12. bis zum 19. Lebensjahr.

Drei Buben gehören zur Familie, da muss man sich behaupten. Alle drei fahren Ski wie die Teufel. Das Pizol-Gebiet ist ihre Piste. Der Vater verarztet die Knochenbrüche. Im Sommer kicken sie im Dorf auf dem Tschuttiplatz.

Eng ist die Melser Kindheit nicht. Die Eltern fahren mit den Kindern regelmäßig nach München, ins Theater - an eine besonders beeindruckende "Maria Stuart"-Aufführung erinnert sich der 54-Jährige bis heute; ab dem zwölften Lebensjahr dürfen die Buben zum Sprachenlernen ins Ausland. Alle drei spielen ein Instrument. Klavier, Cello, Geige. Beide Brüder sind dann auch den vorgezeichneten Weg gegangen - der eine ist Biologe, der andere ein renommierter Urologie-Professer - nur Josef Ackermann zieht es, wiewohl ebenfalls begabt für Naturwissenschaften und in der Schule glänzend in Mathematik, zum Allerweltsstudium Volkswirtschaft nach St. Gallen.

Seine Lehrer an der Schule sind enttäuscht. Hätte er nicht wenigstens Physiker werden können? Aber den Abiturienten interessieren die großen gesellschaftlichen Zusammenhänge, die Wechselwirkungen zwischen Politik und Wirtschaft. Es ist der Höhepunkt des 68er-Aufbegehrens. Er belegt Wirtschafts- und Sozialwissenschaften mit Fachrichtung Bankwirtschaft. Und genießt die kontroversen Diskussionen, die Offenheit der Professoren.

Der als Kapazität ebenso gefürchtete wie bewunderte Hans Christoph Binswanger, ein stark grün und wachstumsskeptisch eingefärbter Wirtschaftswissenschaftler, bietet Ackermann dann eine Assistentenstelle an. "Das war auch vom Prestige her toll." Bei den Studenten am Institut für Nationalökonomie ist der kompetente, sportliche Ackermann beliebt. Kommilitonen erinnern sich, dass er ein guter Leichtathlet war ("exzellenter Speerwerfer"), aber immer auch die Adressen der besten Gaststätten rund um St. Gallen kannte.

Bevor's zu gemütlich wird, lockt den jungen Wirtschaftswissenschaftler die Praxis. Beginn einer rasanten Karriere. 16 Jahre braucht Josef Ackermann, um sich bei der Schweizerischen Kreditanstalt vom Assistenten der Generaldirektion bis zum Präsidenten derselben hochzuarbeiten. Mit 33 Jahren hat er bereits 300 Leute unter sich: "Ja, für einen Akademiker", sagt er selbst, "ging das schnell."

Er ist ein Kämpfer. Ein ausgefuchster Taktiker - eigentlich immer nach demselben vom Militär abgeleiteten Muster. Der ehemalige Schweizerische Volksbank-Verwaltungsrat Gianfranco Cotti hat das einmal so beobachtet: Blitzschnell habe Ackermann den Ist-Zustand analysiert, verschiedene Szenarien durchdacht, eine schlüssige Strategie entwickelt und die dann konsequent und beharrlich umgesetzt. Cotti: "Verblüffend".

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