Dienstag, 20. November 2018

Headhunter Kapitän Cool

Ein klarer Kurs auch in stürmischen Zeiten

Unaufgeregt sei er, sagen seine Partner bei Egon Zehnder, manche sprechen sogar von einem "gesunden Phlegma". Der in Holstein aufgewachsene gebürtige Berliner Wilhelm Friedrich "Fritz" Boyens (56) hat in der Beraterbranche den Ruf, daß ihn so schnell nichts aus der Fassung bringt.

Das bedächtige Image kann sich der ehemalige Außenstürmerprofi ("der pfeilschnelle Boyens") des Hamburger SV gut leisten: Wenn es darauf ankommt, unterschätzt niemand den Antritt des Deutschland-Statthalters von Egon Zehnder International, der vor seinem Jurastudium die Höhen und Tiefen im Spitzenfußball erlitt und erlebte.

Wer einmal den Atlantik durchquert hat, den schreckt keine Pfütze mehr. So bewahrte Boyens auch Anfang der 90er Jahre kontemplative Ruhe, als im Hohen Stift des ultrakonservativen Executive Search die Fratres scharenweise zu neuem Glauben konvertierten.

Unzufrieden mit langen Karriere- wegen, starren Vergütungssystemen und dem ach so leisen Marktauftritt des Imageführers kehrten Topberater und Nachwuchstalente dem strengen Zehnder-Regiment reihenweise den Rücken.

Die Abwanderung zur besser zahlenden Konkurrenz leerte vor allem das Frankfurter Büro, in dem eine Zeitlang kaum jemand mehr das Licht anknipste.

Davon unbeeindruckt hielt Boyens am kühlen Understatement als Unternehmensphilosophie fest, so wie es Firmengründer Egon Zehnder (69) seinen Partnern einst eingetrichtert hatte.

Für den Schweizer Branchenpionier ist Headhunting noch heute ein Unwort, und auch seinem Musterschüler Boyens kommt diese Berufsbezeichnung nur schwer über die Lippen.

Bei Egon Zehnder wird beraten, es werden Probleme gelöst; eine "Liefermentalität" (Boyens) wollen die Traditionalisten erst gar nicht aufkommen lassen.

Bei der anspruchsvollen Klientel kommt der Zehnder-Konservatismus um so besser an, je schriller die Konkurrenz am Markt agiert. Die Nummer drei in der deutschen Personalberaterszene hat wieder Tritt gefaßt und wächst: zweistellig im Honorarumsatz, wie man diskret versichert.

Die aufgefrischte Boyens-Truppe aus ausgeschlafenen Jungakademikern (zwei Abschlüsse sind Pflicht) gilt bei Deutschlands feinsten Adressen inzwischen wieder als erste Adresse, in Stuttgart bei DaimlerChrysler beispielsweise oder bei Siemens in München.

Zur Zehnder-Renaissance trägt der soignierte Mann vom Ballindamm dank seines gewachsenen Beziehungsgeflechts eine Menge bei. Boyens, der seinen Weg in einer Hamburger Rechtsanwaltssozietät begann und in den 70er Jahren bei Erno in Bremen (Spacelab-Programm) das Kaufmännische erlernte, öffnet heute den jüngeren Partnern viele Türen in den Topetagen.

Denn einen Teamverlust wie zu Beginn des Jahrzehnts mag der Mannschaftssportler bei Egon Zehnder nicht mehr erleben.


© manager magazin 5/1999
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