Sonntag, 16. Dezember 2018

Porträt Mann von Geld

Keiner personalisiert die Finanzdienstleisterbranche so gut wie der AWD-Chef. Mit ihren Erfolgen und Unsicherheiten, ihrem Ringen um Seriosität.

In der Finanzdienstleisterbranche kann man sich großartig profilieren - vor allem als Journalist. Nehmen wir als Beispiel den Allgemeinen Wirtschaftsdienst (AWD). Wir suchen uns ein schwarzes Schaf aus der Herde der 2900 Berater (einen mäßig informierten mit schlechten Manieren findet man immer), einen Verbraucherschützer (einen, der das Risiko von Anlagegeschäften beklagt, muss man nicht lange suchen) und garnieren dies mit Erzählungen aus jenen dunklen Tagen, in denen Drückerkolonnen zwischen Tür und Angel Lebensversicherungen verkloppten.

 Ringt um Seriosität: AWD-Chef Maschmeyer
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Ringt um Seriosität: AWD-Chef Maschmeyer
Schon hat man einen dieser schön kritischen Artikel beisammen, die nur einen Nachteil haben: Bei gründlicher Recherche fallen die meisten dieser Gruselgeschichten in sich zusammen.

Der ehemalige Strukturvertrieb AWD Börsen-Chart zeigen ist heute ein ordentlich geführtes Beratungsunternehmen. Doch die Branche ist jung. Zwischen den ruppigen Goldgräberzeiten und der jetzigen soliden Verfassung liegen nicht einmal fünf Jahre. Und keiner personalisiert diese Branche so gut wie Carsten Maschmeyer (42). Mit ihrer stupenden Aufbauleistung, mit ihren Unsicherheiten und Übertreibungen, mit ihrem Ringen um Seriosität.

Wir sitzen in dem geleasten Glaspalast des AWD-Konzerns in Hannover. Carsten Maschmeyer - er gilt als Motivationsgenie - stimmt neue Mitarbeiter ein. Aber da steht kein Einpeitscher. Kein Guru. Maschmeyers Geheimnis ist der Stallgeruch des Verkäufers, den er noch immer verströmt. Mit seinem Vortrag findet er genau die richtige Balance zwischen Handelsvertreter und Topmanager. Groß gewachsen, gerade Haltung - für die Zuhörer ein Mann von Welt. Und genau dahin wollen die künftigen Finanzwirte. Maschmeyer steht für ihren Traum von Reichtum und Erfolg.

Die Haare liegen sorgfältig über den Ohren, der Schnurrbart ist akkurat gestutzt. Zur getüpfelten Seidenkrawatte trägt er - vernichtender Stilfehler - ein Einstecktuch im gleichen Tüpfelmuster. Kein Hauch von Selbstverständlichkeit, kein Funken Lässigkeit - man spürt förmlich das Bemühen um Perfektion: ein Wolfgang Reitzle für Arme.

Maschmeyers Vortrag hat etwas von dem eindringlichen Singsang, der Jahrmarktverkäufern eigen ist, die Allzweck-Gemüseschneidemesser anbieten. Er biedert sich an, macht Witze auf schlichtem Niveau. Macht sie hungrig auf den großen Kuchen. 128 Milliarden Euro würden allein in Deutschland pro Jahr gespart. Die vielen Erben. Immer mehr Alte. "Freuen Sie sich auf diese Zielgruppe."

Der Glaspalast verstärkt den Eindruck von neuem Geld. Die Konsequenz, mit der die Firmenfarben Blau und Türkis auf Teppiche, Theken, Polster, Schränke und sogar Schreibtische übertragen wurden, einschließlich stilisierter Vogelschwingen, verstört den unvorbereiteten Besucher.

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