Sonntag, 16. Dezember 2018

Volkswagen I Die guten Beziehungen von Folker Weißgerber

Zu hinterfragen wäre insbesondere die Rolle von VW-Produktionsvorstand Folker Weißgerber (60). Das VW-Urgestein pflegt seit langem enge Beziehungen zu Schnellecke.

"Der Weißgerber", sagt ein Insider, "stützt den Schnellecke, wo er kann."

In Weißgerbers Zuständigkeit fällt die Vergabe der Logistikaufträge. Eigenartig auch, dass sich Schnellecke überwiegend in Werken breit machen konnte, die zu Weißgerbers Einflussbereich zählen.

 Enger Draht zum OB: VW-Produktionschef Weißgerber
DPA
Enger Draht zum OB: VW-Produktionschef Weißgerber
Schnellecke-Leute wickeln unter anderem die interne Logistik für das Stammwerk in Wolfsburg sowie die Werke in Mosel (Sachsen), Mexiko und demnächst auch für die "gläserne Fabrik" in Dresden ab.

Derzeit wird bei VW darüber nachgedacht, das Packzentrum für den Bauteiletransport nach Übersee von Emden nach Wolfsburg zu verlagern und an einen außenstehenden Unternehmer zu vergeben. Möglicher Partner: die Schnellecke-Gruppe.

Längst beschränkt der geschäftstüchtige Kommunalpolitiker seine Aktivitäten mit VW nicht mehr auf den Logistiksektor. Von besonderem Interesse für die Revisoren dürften die Geschäftsbeziehungen des Konzerns zu den Karosseriewerken Dresden (KWD) sein.

Schnellecke hatte 1994 das ehemalige Wartburg-Werk von der Treuhand übernommen. Damals fertigten die Sachsen bereits in kleinem Umfang Bleche für das Golf-Cabriolet. Bei 34 Millionen Mark Umsatz machte KWD 1993 noch 8 Millionen Mark Verlust.

Kaum war der eher fachfremde Schnellecke an Bord, boomte bei KWD das Geschäft. Im Herbst 1994 sicherten sich die Sachsen den Auftrag für Karosserieteile des VW Polo, kurz darauf bekamen sie auch einen Pressauftrag für den neuen Passat.

Binnen zwei Jahren verdoppelte sich der Umsatz auf 67 Millionen Mark. Weitere drei Jahre später machte KWD bei einem Umsatz von 180 Millionen schon mehr als 7 Millionen Mark Gewinn.

Stolz wird im Geschäftsbericht vermerkt, dass man vom "Hauptkunden VW" mit dem "Corporate Supplier Award - The Leading Edge 98" ausgezeichnet worden sei.

"Dem Schnellecke ist es eben gelungen, bei VW ein paar Türen aufzustoßen, wo wir noch nicht mal an die Türklinke rangereicht haben", beschreibt ein Ex-KWD-Geschäftsführer den Erfolg der Firma.

Über KWD stieg Schnellecke auch in ein Joint-Venture mit Volkswagen ein - zur Fertigung von Autositzen für den Polo, den Skoda Fabia und den Seat Ibiza im polnischen Polkowice.

Wie eng VW und Schnellecke ihre Aktivitäten miteinander verzahnten, zeigt ein Blick ins Handelsregister des Amtsgerichts Legnica. Am 13. Mai 1998 wurde dort unter der Registernummer 1653 die Sitech Sp. zo.o. eingetragen. Im Aufsichtsrat: Rolf Schnellecke und Folker Weißgerber.

Am selben Tage wurde unter der vorhergehenden Registernummer 1652 die Volkswagen Motor Polska vermerkt. Die VW-Motorenfabrik ist in Polkowice von der Sitech nicht einmal durch einen Zaun getrennt.

Geschäftszweck der Sitech (rund 400 Mitarbeiter und zuletzt circa 80 Millionen Mark Umsatz) ist laut Handelsregister unter anderem die "Entwicklung, Planung und Herstellung von Autositzen".

Nun wird der Oberbürgermeister (Wahlkampf-Motto: "Standort Wolfsburg stärken", "Sicherung und Schaffung neuer Arbeitsplätze") seinen Wählern erklären müssen, wie er als Unternehmer dazu beitrug, neue Arbeitsplätze in Polen statt in Wolfsburg zu schaffen.

Nach Aussage eines Betriebsrats sollen auf Grund der Geschäfte mit der Sitech sogar "400 bis 500 Stellen" in Wolfsburg weggefallen sein. Weitere 700 Jobs in der Sitzefertigung werden im Wolfsburger Stammwerk ausgegliedert. Vermutlicher Outsourcing-Partner: die Sitech.

Die engen Verflechtungen zwischen Schnellecke und VW fügen sich gut ein ins Ambiente dieser Autostadt. In der niedersächsischen Provinz, wo Wolfsburg VW und VW Wolfsburg ist, kennt jeder jeden. Man trifft sich im Aufsichtsrat der von VW und der Stadt gemeinsam initiierten Wirtschaftsförderungsgesellschaft Wolfsburg AG; man sitzt zusammen in der VIP-Lounge des VfL; man geht vereint zum Drachenbootrennen. Und natürlich schadet es da auch nicht, wenn ein großer Zulieferer gleichzeitig als Bürgermeister mit dem Konzern verhandelt.

Ob die Wolfsburg-Connection das Maß des Zulässigen überschritten hat, werden hoffentlich die Prüfer zu Tage fördern. "Sollten die tatsächlich fündig werden", so ein VW-Manager, "braucht VW einen neuen Produktionsvorstand ­ und Wolfsburg einen neuen Oberbürgermeister."

Jörg Schmitt

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