Freitag, 14. Dezember 2018

VW I Wolfsburger Filz

Der Oberbürgermeister macht als Unternehmer beste Geschäfte mit dem Autokonzern.

Eine bewegte Vergangenheit hat das Horch-Pullmann-Cabriolet (Modellreihe 851). Zwischen 1935 und 1942 fuhr der äthiopische Ex-Kaiser Haile Selassie die in Dresden gebaute Nobelkarosse in seinem Londoner Exil. Später tauchte der Wagen in den USA auf, bevor er von einem Osnabrücker Oldtimer-Spezialisten liebevoll restauriert wurde.

 Ein wohlhabender Mann: Rolf Schnellecke pflegt außergewöhnlich enge Beziehungen zu Volkswagen.
[M]: DPA; mm.de
Ein wohlhabender Mann: Rolf Schnellecke pflegt außergewöhnlich enge Beziehungen zu Volkswagen.
Nun wird die Luxuskarosse mit den vier Ringen am Kühlergrill im VW-Museum ausgestellt - als Dauerleihgabe eines Mäzens. Der Name des großzügigen Autoverleihers: Rolf Schnellecke (57), Oberbürgermeister der Stadt Wolfsburg und zuvor Oberstadtdirektor.

Das Museumsstück (geschätzter Wert: 500.000 bis 700.000 Mark) finanzierte Schnellecke natürlich nicht aus dem Stadtsäckel. Der CDU-Politiker ist selbst ein wohlhabender Mann. Und dies zu einem gut Teil auf Grund seiner privaten Geschäftsbeziehungen zum größten Arbeitgeber am Ort - dem VW-Konzern eben.

Schnelleckes Geschäfte mit Volkswagen laufen seit Jahren bestens. Seine Lastwagen fahren für VW; Schnellecke-Mitarbeiter bringen in den Werken die Teile vom Lager an die Montagebänder; sie pressen Bleche und montieren Autositze.

Insgesamt setzt Schnelleckes "mittelständische Unternehmensgruppe der Automobillogistik" (Eigenwerbung) nach Schätzungen von Insidern einen "höheren dreistelligen Millionenbetrag" mit dem VW-Konzern um.

Lange Zeit schien niemanden die merkwürdig enge Geschäftsbeziehung zu interessieren. Inzwischen erregen sich freilich VW-Mitarbeiter darüber, in welchem Ausmaß Schnellecke mit dem Konzern verflochten ist.

Warum, so fragen sie, bekommt der Stadtchef einen Auftrag nach dem anderen? Darf ein Stadtoberhaupt mit dem größten Arbeitgeber am Ort Geschäfte machen - und was war der Grund für diese großzügige Leihgabe?

Unangenehme Fragen, so scheint es. Als vor der Oberbürgermeisterwahl im Februar dieses Jahres Schnelleckes VW-Connection angeblich hochzukochen drohte, soll das Thema binnen Stunden von einer unheiligen Allianz aus Politik, VW-Managern und Betriebsrat beerdigt worden sein.

Nicht einmal der politische Gegner soll damals versucht haben, aus der konfliktträchtigen Symbiose Kapital zu schlagen. Dies ist auch kein Wunder gewesen. Ein führendes SPD-Mitglied ist zugleich Betriebsrat bei VW, außerdem Aufsichtsrat des von VW gesponserten Fußballbundesligisten VfL Wolfsburg. In letzterer Funktion verhandelt er gerade mit Schnellecke in dessen Eigenschaft als Oberbürgermeister über den Bau eines neuen Stadions.

Ein ziemlich dichter Filz. Mittlerweile zeigt Konzernchef Ferdinand Piëch (64) Problembewusstsein. Er schaltete seine Wirtschaftsprüfer ein. Dies allerdings erst, nachdem manager magazin der Volkswagen AG Ende August einen dreiseitigen Fragenkatalog zu dem Komplex geschickt hatte. Äußern wollten sich bislang freilich weder VW noch Schnellecke zu dem Thema.

Mehr als ein Dutzend Prüfer soll nun klären, ob bei den Geschäften alles mit rechten Dingen zuging. Doch schon jetzt fürchten VW-Manager, dass die Ergebnisse der Untersuchung weggeschlossen werden könnten. Denn der Aufstieg Schnelleckes vom Kleinspediteur mit zwei Lieferwagen zu einem Logistikunternehmer mit weltweit 6000 Mitarbeitern und gut einer Milliarde Mark Umsatz scheint ohne einflussreiche Helfer im VW-Konzern kaum möglich gewesen zu sein.

Jörg Schmitt

Teil 2: Die guten Beziehungen von Folker Weißgerber

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