Freitag, 16. November 2018

BMW Mit Vollgas an die Spitze

Seinen ersten BMW hat Milberg aus eigener Tasche bezahlt. Den kaufte er Anfang der 70er Jahre, von seinem ersten Geld als Uni-Assistent: einen roten BMW 1600. Ein "Alfa" wäre auch in Frage gekommen, nur nichts Langsames.

Der BMW-Chef gibt leidenschaftlich gern Gas; "sehr verantwortungsvoll", wie er artig einschiebt; gleichwohl so beherzt, dass ihn ein Mitarbeiter als "besten Fahrer unter Deutschlands Autochefs" preist.

Die Von-null-auf-hundert-Sause ist vermutlich Milbergs einziger Ausbruch aus der selbst gewählten Tretmühle. Sie verschafft ihm zugleich Akzeptanz in einer tempoverrückten Branche. Da schinden Manager wie der ehemalige BMW-Chefentwickler Wolfgang Reitzle Eindruck. Der prahlte mit Überholmanövern (wie ein BMW-Mitarbeiter arglos amüsiert erzählt), "wenn man schon das Weiße im Auge des Entgegenkommenden sieht".

Die Aufgabe des Produktionsvorstands versah Milberg unauffällig, aber höchst effektiv. Er trimmte die Werke auf Qualität und Flexibilität. Der Fertigungschef ersann neue Arbeitszeitmodelle und zog das erste ausländische BMW-Werk hoch, im amerikanischen Spartanburg.

Den Posten hätte er heute noch ­ hätte nicht der damalige BMW- Chef Bernd Pischetsrieder (nicht gebremst vom Aufsichtsratsvorsitzenden Eberhard v. Kuenheim) 1994 den Fehlgriff seines Lebens getan. Er kaufte die britische Autogruppe Rover, ein ­ von den Marken Mini und Landrover abgesehen - durch und durch verlottertes Unternehmen.

Als das Fiasko unübersehbar wurde, als die Verluste bei Rover sich zu Milliarden türmten, kam es am 5. Februar 1999 zu einer denkwürdigen Aufsichtsratssitzung. Pischetsrieder musste zurücktreten. Seine Nachfolge, das schien allen Außenstehenden klar, würde der ehrgeizige Entwicklungschef Wolfgang Reitzle antreten.

Aus Pflichtgefühl auf den Chefsessel

Der jedoch hatte mit dem sprunghaften Wechsel von Ansichten und manch fein gesponnener Intrige Kredit verspielt; die Gegner im Aufsichtsgremium überwogen. Auch Reitzle trat zurück. Da blieb nur noch Milberg.

Der Produktionschef, berichtet ein langjähriges Aufsichtsratsmitglied, sei niemals zuvor gefragt worden, ob er sich mit dem Chefposten anfreunden könne. Aus Pflichtgefühl sagte Milberg - nach Rücksprache mit seiner Frau - am Abend Ja.

Der Neue galt fortan als Verlegenheitslösung. Er selbst hat dazu beigetragen. Fahrlässig verspielte er in der Öffentlichkeit Vertrauen, indem er schwor, Rover zu sanieren, tatsächlich aber längst über einen Verkauf verhandelte.

Im Frühling vergangenen Jahres langte Milbergs Ruf am Tiefpunkt an. Rover war er nur höchst mühsam losgeworden. Spekulationen über seine Demission kursierten.

Michael Machatschke

Weiter zum vierten Teil: Nach dem Rover-Schock mit neuer Stärke

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