Freitag, 14. Dezember 2018

Verbände Anspruch und Wirklichkeit

Montagmorgen, halb neun. Franz Schoser eilt ins Haus der Wirtschaft. Er hat schon ein "Meeting" des "Steering Committee" im Kanzleramt hinter sich, das die nächste Runde im Bündnis für Arbeit vorbereitet. Er wirkt etwas müde.

Schoser arbeitet seit Ewigkeiten in der Politbranche. Vor 21 Jahren stieg er zum Hauptgeschäftsführer des DIHT auf, was ihn formal zum obersten Funktionär der deutschen Wirtschaft machte: Jedes Unternehmen in Deutschland ist zwangsweise Mitglied in einer der 82 Industrie- und Handelskammern (IHK), die unter dem Dach des DIHT vereint sind.

21 Jahre. "Als ich ins Amt kam", erzählt Schoser in jenem sympathischen rheinischen Singsang, der so typisch war für die Bonner Republik, "war noch Helmut Schmidt in charge." Das war 1980 ­ vor der Globalisierung, vor der Shareholder-Value- und New-Economy-Revolution. Mannesmann war ein deutscher Stahlproduzent. Und Berlin (West) eine Insel. Damals.

Seither hat sich die Welt gewandelt. Öffnung der Märkte, wachsender Wettbewerb, Fusionen und Übernahmen, Umbau der Konzerne ­ alles hat sich in der Wirtschaft verändert. Nur das deutsche Verbändewesen hat lange sanft geruht.

Franz Schoser nippt am Tee, lässt den Blick in den Innenhof des Hauses der Wirtschaft schweifen und denkt über seine Amtszeit nach. Der größte Teil verlief relativ ruhig. Aber seit zwei, drei Jahren, da sei ganz schön was los. Die IHK-Verweigerer, mittlerweile schlagkräftig organisiert, stänkern lautstark gegen die Zwangsmitgliedschaft. Sie wollen Leistungen sehen für ihre Beiträge.

Also hat sich Schoser "enorm gekümmert" - hat die Kammern angehalten, besseren Service zu bieten; hat ein "Managementsystem" eingerichtet mit Controlling und Qualitätsprüfung; sogar eine Marketingstrategie soll es demnächst geben. Die Kammern würde er gern in einen Wettbewerb untereinander schicken, wer die besten Leistungen bringt. Aber vielen IHK-Fürsten geht solch simulierte Marktwirtschaft zu weit.

Auf dem Sonderweg

Auch in anderen Ländern schließen sich Unternehmen in Verbänden zusammen, um gemeinsame Beratungspools zu schaffen, um informell Ideen und Informationen auszutauschen ­ um "Networking" zu betreiben, wie das im New-Economy-Talk heißt.

Das deutsche Verbändewesen jedoch fußt nicht allein auf solch freiwilliger Kooperation; es ist eine semioffizielle Veranstaltung (siehe Kasten).

Henrik Müller


Der Verbändestaat

In Deutschland gibt es unzählige Kammern und Verbände, der politische Einfluss ist überall zu spüren. Ist dieses teure System noch zeitgemäß?

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Ordnung der deutschen Wirtschaft

Korporatismus - Eine Begriffserklärung

Problemfälle des deutschen Korporatismus

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