Freitag, 14. Dezember 2018

BMW Muße nur, wenn sie Nutzen stiftet

"Guten Morgen, Herr Professor!", grüßt der Kollege, und Milberg, ein paar Papiere unter den linken Arm geklemmt, grüßt eilig, aber freundlich zurück. Die Anrede nur mit seinem Titel dürfte ihm gefallen. Im Beruf wäre Milberg am liebsten gar nicht Milberg, sondern ein großes, kompetentes Neutrum.

Er, der Ingenieur, sieht die Welt mit den Augen eines Technikers. Alles besteht aus Systemen und Subsystemen, aus Grundtatbeständen und Abstufungen derselben.

So denkt er und so spricht er. Wie die Händler bei der Präsentation des neuen Spitzen-BMW der 7er-Baureihe reagiert haben? Begeistert etwa? Nein, "hoch emotional".

 Joachim Milberg überlebte so manchen renomierten Wirtschaftslenker - Pietschetsrieder oder Reitzle - bei BMW
DPA
Joachim Milberg überlebte so manchen renomierten Wirtschaftslenker - Pietschetsrieder oder Reitzle - bei BMW
Der BMW-Chef scheut sich nicht, auf Interviewfragen im Abstand von Wochen wortgleich dasselbe zu antworten, schön bewährt und exakt.

Peinlich vermeidet er alles, was auf ihn selbst schließen lassen könnte. Eben noch meinte er, sein zweitliebstes technisches Produkt nach dem Auto sei der Roboter. Dann korrigiert er gleich: "Werkzeugmaschinen und Roboter sind nach dem Auto die technischen Produkte, mit denen ich in meinem Beruf am intensivsten befasst war."

Nur im Ton verzichtet Milberg auf scharfe Kanten. Der Manager tritt umgänglich und bescheiden auf. Er lächelt, so gut er kann, und lacht routiniert über die kleinen Scherze, die zum Businesstalk gehören.

"Milberg kann durchaus Kontakte aufbauen und pflegen", urteilt ein langjähriger Kenner. So habe er in seiner Zeit als Universitätsprofessor geschickt einen neuen Kongress für Fertigungstechnik angeschoben. Dazu müsse man schon auf die Leute zugehen.

Allein: Im Nahkampf zeigt der Ingenieur Blößen. Er sei unfähig, meint der Kenner, "auch einmal etwas ungeschützt zu sagen", etwas Persönliches oder leidlich Vertrauliches. Das verhindert Nähe.

"Herr Milberg ist ein Mann von ungeheuren Grundsätzen", charakterisiert BMW-Aufsichtsratschef Volker Doppelfeld seinen ersten Manager. Vor allem die protestantische Kardinaltugend hat Milberg verinnerlicht: Fleiß, Fleiß, Fleiß. Einmal alle Anstrengungen aufgeben, lässig sein - er kann es einfach nicht. Zu Muße bekennt der Manager sich nur, wenn sie nützlich ist, wenn sie dazu dient, wie er sagt, "das alltägliche Schaffen einmal von einer höheren Warte aus zu betrachten".

Ein erstaunlicher Aufstieg

Von da oben fällt der Blick auf ein Leben, das eigentlich aus mehreren Leben besteht.

Mitten im Krieg geboren, 1943, erlebte Joachim Milberg doch eine unbeschwerte Jugend. Die Eltern betrieben in Sennestadt (heute ein Teil von Bielefeld) eine Kombination aus Bauernhof und Gewerbe, sie handelten mit Kohlen und allerhand mehr und transportierten Holz. Das Unternehmen galt immerhin als so wichtig, dass der Vater vom Frontdienst verschont blieb.

Für einen jungen Menschen sei dieses ländlich-unternehmerische Milieu eine anregende Umgebung gewesen, blickt Milberg zurück. "Es war immer was los" ­ und alles war spannender als Schule. Er habe zunächst mäßige Noten gehabt. Erst zum Ende der Realschule merkte er: "Mensch, da ist mehr drin."

Der Junge wollte Ingenieur werden. Um die Ingenieurschule besuchen zu dürfen, musste er zuvor eine Lehre absolvieren. Er fand eine Lehrstelle als Schlosser bei der Bielefelder Maschinenfabrik Gildemeister. Das sollte sich als fast schicksalhaft erweisen. Denn Gildemeister wurde fortan zum Drehkreuz seiner Karriere. Hier arbeitete auch Günter Spur, der Konstruktionsleiter, den Milberg später an der Ingenieurschule in Bielefeld als Dozenten näher kennen lernte. Spur wurde sein großer Förderer.

Mit Spur ging der junge Mann nach Berlin, an die Technische Universität, wo der Mentor eine Professur übernommen hatte. Er studierte, assistierte, promovierte und kehrte 1972 zurück zu Gildemeister, als leitender Angestellter.

Das Managerdasein gedieh bestens, Milberg hätte Anfang der 80er Jahre wohl die Geschäftsführung übernehmen können oder andere lukrative Posten in der Industrie.

Indes, er erlag dem Reiz eines neuen Lebens, als Professor für Werkzeugmaschinenbau an der TU München. Der Lehrstuhl war damals, wie Kundige behaupten, in einem kläglichen Zustand, im Ansehen weit hinter den renommierten Fakultäten in Stuttgart, Berlin und Aachen. Der neue Professor schaffte die Wende. Er warb um Forschungsaufträge, vor allem bei BMW, und betrieb schließlich sogar die Erweiterung der Fakultät in Garching.

Die Vollendung des Kreises war vorgezeichnet, Milberg hätte Günter Spur an der TU Berlin beerben sollen. Der Lieblingsschüler jedoch ging, Ende 1993, überraschend wieder in die Wirtschaft. Er wurde Produktionsvorstand bei BMW.

Michael Machatschke

Weiter zum dritten Teil: Mit Vollgas an die Spitze

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