Donnerstag, 15. November 2018

Bosch Hüter des Grals

2. Teil: Eine Mentalität des Argwohns

Das Korsett ist eng, der Ablauf starr. Noch bis vor zwei Jahren mussten bei den wöchentlichen Geschäftsführer-Sitzungen die Verantwortlichen aller Geschäftsbereiche zum Rapport antreten. Und wehe dem, der nicht perfekt für alle denkbaren Fragen gewappnet war.

"In einem solchen System werden Leute allein dadurch wichtig, dass sie anderen Formfehler nachweisen", klagt einer, der bei Bosch zu viele unproduktive Mitarbeiter wähnt.

Gewiss, manche Kleinigkeit wurde in jüngster Vergangenheit geändert - so dauern die Sitzungen jetzt mitunter nicht mehr unnötig lang.

 Arbeitsdirektor Tilman Todenhöfer: Wandel vom dynamischen Manager zum getreuen Gefolgsmann
DPA
Arbeitsdirektor Tilman Todenhöfer: Wandel vom dynamischen Manager zum getreuen Gefolgsmann
Die Abläufe jedoch sind so zäh wie eh und je. Ständig kursieren hunderte von Umlaufmappen, die von unzähligen Leuten unterschrieben werden müssen. Ein umständliches Prozedere, das einzig dazu dient, das mittlere Management glauben zu lassen, es sei in die Entscheidungsprozesse eingebunden. "In Wahrheit entscheidet der Mann an der Spitze allein", sagt einer. Er hält für die Leute von Bosch deswegen eine besondere Titulierung bereit: die Japaner Europas.

Etliche, die den Konzern von innen gut kennen, sind sich einig: Viele Boschler schaffen mit "freudlosem Eifer" vor sich hin. Im Haus herrsche eine "Mentalität des Argwohns und der Absicherung".

In diesem Klima gedeihen graue Verwaltungsangestellte, penible Controller, durchaus auch ehrgeizige Tüftler - mutige, unternehmerisch denkende Mitarbeiter dagegen frustriert das System Bosch.

Wie die Kultur die Manager prägt, zeigt der Werdegang von Tilman Todenhöfer (57). Der hatte, bis ihn Merkle 1993 in die Geschäftsführung holte, fast 20 Jahre im Ausland gewirkt und von dort viele Ideen mitgebracht. Auf der Schillerhöhe trat Todenhöfer zunächst als schneidiger Reformer auf. Der Arbeitsdirektor und Justiziar sprühte vor Energie.

Wenige Jahre später ist das Feuer erloschen. Todenhöfer, obwohl "F2" und damit wichtigster Mann nach Scholl, hat sich dem Regime perfekt angepasst. Er kennt heute nur noch eines: Uneingeschränkte Loyalität gegenüber dem F1.

Zündende Geschäfte: Die Autoteile-Produktion macht 70 Prozent des Umsatzes aus
Wenn ein Wirtschaftsunternehmen geführt wird wie eine Armee, sind Querdenker chancenlos - selbst wenn sie gute Ideen haben. So versuchten etwa einzelne Mitarbeiter des früheren Bosch-Bereichs Private Netze in Frankfurt monatelang, die Zentrale auf der Gerlinger Schillerhöhe für ein aus ihrer Sicht viel versprechendes Projekt zu begeistern.

Die Idee war schlicht: Die Boschler wollten Großkonzernen die Bewachung und technische Sicherung von Datennetzknoten anbieten. Die Initiatoren schrieben Antrag um Antrag. Immer darum bemüht, nur ja keinen Formfehler zu begehen. Denn dann wäre das Bemühen von vornherein aussichtslos gewesen.

Doch die Geldgeber in Stuttgart zögerten und zauderten. Ein Fehler, wie sich herausstellte. Bosch verkaufte den Bereich, der heute unter Tenovis firmiert, schließlich an den US-Finanzinvestor KKR. Der machte daraus ein lukratives Geschäft.

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