Freitag, 14. Dezember 2018

WAZ Dauerzoff im Zweckbündnis

Vorbild WAZ: Wie man mit einiger Phantasie Eigentum in Familienbesitz halten kann

Ausgewogener geht’s nicht: Die Lizenz für die politisch unabhängige "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" erteilten die britischen Besatzer 1948 einem Sozialdemokraten und einem Konservativen gemeinsam, den Herren Erich Brost und Jakob Funke. Es war eine Lizenz zum Zoffen. Motto: Schlimmer geht’s wirklich kaum.

Politisch einander spinnefeind, mental einander völlig entrückt, überdies nur ein Zweckbündnis, weil sich der Ostpreuße Brost im Revier nicht auskannte und deshalb Funke brauchte, lieferten sich die Herren wilde Gesellschafterschlachten. Mißtrauen regierte jahrzehntelang.

Schon in den 60er Jahren versuchten sich Brost und Funke gegenseitig aus dem Unternehmen zu drängen. Zeitweise verkehrten sie nur noch schriftlich miteinander.

Der Funke-Mann und Firmenstratege Günther Grotkamp war jedoch bei beiden gut gelitten: Seit 1960 im Haus, blieb der Mann seiner Erfolge wegen tabu. Nach dem Tod seines Mentors, 1975, verwaltete der fintenreiche Jurist jahrelang das Vermögen der Funke-Erben.

1978 kam Erich Schumann als Brost-Nachfolger ins Haus. Die Stimmung in der Essener WAZ-Zentrale, ohnehin von eisigem Argwohn, wurde noch schlechter.

Schumann, einst Anwalt der Bonner SPD-Baracke, verstünde nichts vom Verlagsgeschäft, protestierte die Funke-Truppe. Brieflich wurde Schumann "ein vollständiger Mangel an Sach- und Fachverstand" attestiert.

Schumann hielt aus. Der SPD-Matador zeigte sich angstfrei. Später, seelisch nun vollends abgehärtet, überwarf er sich sogar noch mit dem Erben und Verlegersohn Martin Brost (52).

Der hatte sich mal als Ökokommunarde, mal als Adept der Zen-Meditation versucht und auch in die WAZ-Verlage hineingeschnuppert. Zu Schumann fand er indes kein Verhältnis. Als Martin Brost seinen Vater auch noch in dessen "Rechten beschränken wollte" (Schumann), eskalierte der Konflikt.

Erich Brost traute seinem Filius nicht mehr zu, das publizistische und verlegerische Erbe ordentlich zu verwalten. Der Sohn trat sein Patrimonium wieder ab – gegen eine schmerzstillende Barabfindung von 400 Millionen Mark und diverse Beteiligungen, darunter einen 12,5-Prozent-Anteil am Otto Versand.

Um das Eigentum erbschaftsteuerschonend in Familienbesitz zu halten, wurde Brost 1985 sehr eigenwillig: Er adoptierte Schumann, damals 54 Jahre alt. Heute halten Schumann und seine Adoptivmutter Anneliese Brost (78) 50 Prozent an der WAZ: Milliardäre alle beide.

Auch Grotkamp gelang prompter Familienanschluß: 1986 ehelichte er die jüngste Funke-Erbin, Petra (55). Die Grotkamps halten 16,7 Prozent an der WAZ.

Aber wie geht es weiter in Essen? Schumann und Grotkamp nähern sich der durchschnittlichen Lebenserwartung. Die Funkes sind nachkommensstark. Sieben volljährige Kinder stehen bereit.

Im Brost-Clan hingegen sieht es erblich leer aus. Schumann ist kinderlos. Eine Unternehmensstiftung verbietet der Gesellschaftervertrag. Irgendwo, heißt es, soll angeblich noch ein Brost-Enkel aufgetaucht sein. Keine Bestätigung. Schumann schweigt. Adoptiert er jemanden?

© manager magazin 12/1998
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